Kinderärzte Schweiz, 18. März 2016

Geht der Lehrplan 21 uns etwas an?

von Jürg Barben und Arnold Bächler

Im letzten Jahr wurden der Lehrplan 21 und die damit verbundenen Schulreformen in den Medien sehr kontrovers diskutiert. Anfänglich haben sich vor allem rechtskonservative Kreise kritisch zu den problematischen Entwicklungen um Harmos, den Lehrplan 21 und das Frühsprachenkonzept geäussert. Mit der Informationsbroschüre «Einspruch» haben sich gegen Ende des Jahres aber auch namhafte linksliberale Persönlichkeiten mahnend zu Wort gemeldet[1].

Meinung der Kinderärzte ist gefragt

Im Sommer 2014 wurde der Verein Ostschweizer Kinderärzte (VOK) von der Bildungsdirektion des Kantons St. Gallen aufgefordert, zum neuen Schulkonzept «Die ersten Schuljahre im Kanton St. Gallen» Stellung zu nehmen. Eine Arbeitsgruppe mit Mitgliedern aus der VOK und dem Ostschweizer Kinderspital hat sich daraufhin intensiv mit dem Thema «Schule und Pädiatrie» beschäftigt und ein Positionspapier verfasst, aus dem hier einige zentrale Statements in kursiver Schrift wiedergegeben werden.

«Kinderheilkunde, Erziehungsberatung und Pädagogik sind seit jeher eng miteinander verbunden. Sie lassen sich nicht trennen, weil Eltern beim Kinderarzt nicht nur medizinischen, sondern auch pädagogischen Rat suchen. Die Grundlage dieses Vertrauensverhältnisses ist die in vielen Fällen bis zur Geburt zurückreichende Beziehung zwischen der Familie und ihrem Kinderarzt.»

In einem Begleitbrief an die kantonale Bildungsdirektion haben wir die beiden Hauptanliegen des neuen Konzeptes, das selbstorganisierte Lernen und die Kompetenzorientierung, kritisch hinterfragt.

Selbstorganisiertes Lernen bereits ab Schulstart?

Gestützt auf den Lehrplan 21 sieht das neue Schulkonzept vor, dass die Kinder schon zu Beginn ihrer Schulzeit selbstorganisiert lernen und die Lehr er sich darauf beschränken sollen, lediglich als Lern Coach zur Verfügung zu stehen.

«Unsere Skepsis gegenüber dem selbstorganisierten Lernen in den ersten Schuljahren beruht auf der neurophysiologischen Tatsache, dass die dafür erforderlichen exekutiven Funktionen spät reifen und erst mit 20 Jahren voll ausgebildet sind. Selbstorganisiert es Lernen im eigentlichen Sinn ist deshalb erst im höheren Schulalter und in der Erwachsenenbildung möglich.»

In Übereinstimmung mit der Hattie Studie «Lernen sichtbar machen»[2; 3] halten wir der neuen Rollenzuteilung an die Lehrer entgegen, dass vor allem die Stärkung der Lehrer Schülerbeziehung die Lernmotivation und die soziale Integration zu fördern und unterschiedliche Lernvoraussetzungen auszugleichen vermag.

Kompetenzorientierung – ein Paradigmawechsel

Das pädagogische Konzept der Kompetenzorientierung wird von namhaften pädagogischen Experten äusserst kontrovers beurteilt, von Befürwortern wie Gegnern jedoch übereinstimmend als Paradigmawechsel gewertet [4 – 9]. Da wir uns in der kinderärztlichen Sprechstunde ständig mit 2 Schulproblemen konfrontiert sehen, wollten wir angesichts der angekündigten, tiefgreifenden Veränderungen im Schulbereich nicht abseits stehen und einfach nur zuschauen und abwarten, was da auf uns zukommt.

Reformhektik stoppen

Wird in der Medizin ein neues Medikament eingeführt, muss dieses zuerst geprüft und müssen dessen Wirkungen und Nebenwirkungen genau untersucht werden. Bei den Schulreformen scheint das anders zu laufen: Da wird etwas Neues eingeführt, das erst anschliessend evaluiert wird. Dabei dienen die Schulkinder als Pro banden in einem offenen Forschungsdesign mit unbekanntem Ausgang [16]. Um diesem Vorgehen entgegenzuwirken, haben wir im Begleitbrief zu unserem Positionspapier ein Moratorium der Reformaktivitäten empfohlen.

«Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass im Bildungswesen ‹Reformen von oben› regelmässig Schiffbruch erleiden, während Initiativen im Klassenzimmer meistens rasch zum Erfolg führen. Als Kinderärzte setzen wir unsere Erwartungen auf ‹Reformen von unten› und plädieren deshalb für einen verstärkten Einbezug der Lehrpersonen, eine vermehrte Vernetzung der Schule mit den Eltern und allen an der Förderung beteiligten Fachpersonen, zu denen wir uns als Kinderärzte auch zählen. Ein Moratorium vor der allgemeinen Einführung des Lehrplans 21 ist nicht nur aus fachlichen, sondern auch aus politischen Gründen ratsam.»

Mit dieser Empfehlung haben wir uns auf das Memorandum «Mehr Bildung, weniger Reformen» bezogen, in welchem namhafte Entwicklungspädiater wie Prof. Remo Largo und renommierte Erziehungswissenschaftler wie Prof. Walter Herzog, einen Stopp der Reformhektik im Bildungswesen fordern[9;11 – 13]. Insbesondere plädieren wir dafür, die kritischen Stimmen aus deutschen Schulen, in denen die Lehrplanveränderungen schon implementiert sind, wahrzunehmen.

Öffentliche Vortragsreihe «Schule und Pädiatrie»

Leider haben wir bisher nicht erfahren, ob unsere kinderärztliche Sichtweise in der weiteren Ausarbeitung des Konzeptes für die ersten Schuljahre berücksichtigt worden ist. Da die Vorbereitungen zum Lehrplan 21 unter striktem Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden haben, bestand zu Beginn des letzten Jahres nicht nur bei uns Pädiatern, sondern auch in weiten Teilen der Bevölkerung ein grosses Informationsmanko. Das veranlasste uns, unter dem Patronat des VOK und des Ostschweizer Kinderspitals eine öffentliche Vortragsreihe zum Thema «Schule und Pädiatrie» zu lancieren.

Grosser Fundus gemeinsamer Themen

Schule und Pädiatrie sind über viele Fragestellungen miteinander verbunden: Dazu gehören die Forderung nach einer breiten, auch biologische Aspekte umfassenden, Entwicklungsabklärung bei Kindern mit gravierenden Schulproblemen, die Früherfassung von Entwicklungs- und Verhaltensstörungen, die Prävention von Hör und Sehstörungen, die Abklärung und Behandlung von psychosomatischen Beschwerden bei Schulstress, die Sicherstellung von Therapiemassnahmen, die nicht von der Schule erbracht werden können, die Prävention und Behandlung von Übergewicht und Bewegungsmangel, sowie die ärztliche Mitarbeit zur Vermeidung von Mobbing und Schulabsentismus. Aus dem Fundus dieser Themen liess sich ein reichhaltiges Vortragsprogramm gestalten.

Mehr Mut zu öffentlichen Stellungnahmen

Unsere Erwartung, mit einer öffentlichen Vortragsreihe auf grosses Interesse zu stossen, hat sich mehr als bestätigt. Bei allen Veranstaltungen füllte sich der grosse Hörsaal im Fachhochschulzentrum St. Gallen bis auf den letzten Platz. Der Vortrag von Prof. Largo musste sogar in einen zweiten Hörsaal übertragen werden. Nicht nur in Schulfragen, sondern auch bei anderen Fragen, welche die Lebenswelt der Kinder betreffen, fehlt fast immer die Stimme der Kinderärzte. Das grosse und anhaltende Interesse an der Vortragsreihe «Schule und Pädiatrie» sollte uns Mut machen, die kinderärztliche Sichtweise auch in andere gesellschaftspolitische Debatten einzubringen; nicht im Sinne einer parteipolitischen Stellungnahme, sondern im Interesse einer sachlichen Information.

Zitierte Literatur erhältlich bei: juerg.barben@kispisg.ch

http://starkevolksschulesg.ch/wp-content/uploads/Kis_1-16_low.pd