Die bundesrätliche Intervention zum Frühfranzösisch ist der falsche Weg. Gefragt wäre Begeisterung. Kommentar von Arthur Rutishauser, Journalist «Tages-Anzeiger», 6. Juli 2016

«Der Bundesrat ist der Ansicht, dass staats- und bildungspolitische Gru?nde harmonisierte Vorgaben zum Unterricht der Landessprachen erfordern»: Damit rechtfertigt Bundesrat Alain Berset sein Eingreifen im Sprachenstreit. Bern will den Kantonen vorschreiben, sie müssten bereits in der Primarschule eine der Landessprachen als Fremdsprache unterrichten.

Es gab wohl noch selten eine schwächere Begründung für eine zentralstaatliche Massnahme – und erst noch auf Kosten der Kinder. Noch seltener war der vorgeschlagene Weg weniger zielführend. Damit keine Missverständnisse entstehen: Es soll hier keineswegs vertreten werden, dass man künftig in Schulen kein Französisch mehr lernt. Im Gegenteil: Ein Grossteil der Absolventen der Sekundarschule muss die Sprache beherrschen.

Nur der Weg, der laut Bundesrat dazu führen soll – der ist völlig falsch. In französischer Zentralstaatsmanier versucht man das Pferd von hinten aufzuzäumen. Nämlich, indem man nicht etwa darauf hinwirkt, dass Lernziele im ganzen Land erreicht werden, sondern indem man eine unsinnige Vorgabe erlässt – egal, ob sie erfolgreich ist oder nicht. Das heisst: Künftig sollen die Kantone zu den Guten gehören, die ab der 5. Primarschulklasse zwei Stunden pro Woche Französisch für obligatorisch erklären. Wer das nicht tut, der bricht das Gesetz. Ob die Schüler danach auch die Sprache sprechen können, ist egal.

Im Kanton Zürich fahren Behörden in der Frage seit den 80er-Jahren einen Zickzackkurs. Erst wurde spielerisches Lernen propagiert, dann plötzlich war «English first» die Devise, und seit dem Schuljahr 2007/08 benoten wir das Können der Schüler im Französisch ab der 5. Klasse. In dem Sinne zählen wir zu den «Guten». Nur: Für die Aufnahmeprüfung ins Langzeitgymnasium ist Französisch trotzdem nicht relevant. Und dass die Kinder heute besser Französisch sprechen als vor 30 Jahren, das wird wohl niemand ernsthaft zu behaupten wagen.

Im Gegenteil: Alle wissenschaftlichen Studien haben ergeben, dass ein früher Beginn beim Französischunterricht nicht zu besseren Resultaten führt. Vielmehr zeigt sich, dass nach kurzer Zeit in der Sekundarschule die Unterschiede zwischen Schülern mit und ohne Vorkenntnisse kaum ins Gewicht fallen. Und vor allem: Die Lernerfolge im Französischen sind geradezu katastrophal, egal, nach welchem System gelehrt wird. Das bestätigte letztmals eine Studie der Uni Freiburg. Daraus ging hervor, dass gerade mal 3,4 Prozent der Achtklässler die Lernziele erreichten, wenn es darum ging, Französisch zu sprechen. Beim Lesen und Schreiben waren es immerhin 30 Prozent. Im Englischen erreichten zwei Drittel beide Lernziele. Bei der Motivation gaben zwei Drittel der Schüler an, sie würden gerne Englisch lernen, im Französischen gerade mal ein Drittel. Auch die Motivation der Französischlehrer war viel geringer als die der Englischlehrer.

Es braucht neue Wege, wie man die Schüler und die Lehrer wieder für das Französisch begeistert. Und vor allem, wie kriegen wir es hin, dass die Lehrerfolge den gesteckten Zielen entsprechen? Hier führt eher der gesunde Menschenverstand zum Ziel als Dogmen. Wenn man eine Sprache lernt, sollte dies in einer möglichst hohen Intensität erfolgen – mit anderen Lernenden, die gleich weit sind. Das heisst in der Praxis: nicht zwei Alibistunden ab der 5. Klasse, sondern lieber sechs Stunden in der Sekundarschule. Und dort nicht in gemischten Klassen, sondern niveaugleich mit dem Ziel, dass die Schüler sich mit ihren Kollegen in Genf unterhalten können. Ob sie dann alle Ausnahmen des Subjonctif kennen, ist sekundär, aber dass sie motivierter werden, die zweite Landessprache zu erlernen, primär.

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