von Gisela Liebe, © Zeit-Fragen, Nr. 18, 16. August 2016

Weltweit wird die Mehrsprachigkeit der Schweiz bewundert. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass auf einem relativ kleinen Staatsgebiet mehrere Sprachgemeinschaften mit unterschiedlichen Kulturen friedlich koexistieren und sich miteinander verständigen können.

An das Bildungswesen stellt die Vermittlung mehrerer Landessprachen besondere Anforderungen. Schweizer Kinder müssen mehr lernen als andere Nationalitäten –und sie haben es jahrzehntelang auch getan. Seit jeher hat gewöhnlich jedes Kind in der Volksschule eine zweite Landessprache gelernt. Der Fremdsprachenunterricht mit einer zweiten Landessprache begann in der Regel in der Sekundarstufe I, also erst nach der Primarschule. Dagegen hatten die zweisprachigen Kantone und Graubünden immer eigene Regelungen, angepasst an die Bedürfnisse ihres Kantons. Die allererste Fremdsprache, nämlich Schriftdeutsch, lernen viele Deutschschweizer Kinder spätestens mit dem Schuleintritt. Die in der Schule erlernten Sprachkenntnisse konnten junge Männer oft in der Rekrutenschule praktisch anwenden und festigen, während viele junge Frauen nach beendeter Schulzeit bis vor einigen Jahren ein Welschlandjahr absolvierten, um ihre Französischkenntnisse zu vertiefen.
Erst gegen Ende der achziger Jahre verlegten die meisten Kantone das Erlernen der zweiten Landessprache auf das Ende der Primarschule, meist in die 5. Klasse. Englisch wurde mit der Zeit an vielen Schulen angeboten, meist als Freifach.
1989 legte das Eidgenössische Departement des Innern einen umfangreichen Bericht «Zustand und Zukunft der viersprachigen Schweiz» vor.

Was die eigene Muttersprache anbelangt, wurde schon damals in allen Sprachregionen unter anderem «ein markanter Wandel im Sprachverhalten grosser Teile der Bevölkerung» festgestellt, «der durch die modernen Kommunikationstechniken zusätzlich beschleunigt und beeinflusst wird. Dieser Wandel zeigt sich in der zunehmenden Abkehr von einer inhaltlich und formal noch von humanistischen Bildungswerten geprägten Kultursprache und in einer vermehrten Hinwendung zu einer rein funktional bestimmten, inhaltlich und ästhetisch verarmten Kommunikationssprache. Im Extremfall führt dieser Wandel zu einem weitgehenden Verlust der aktiven, vor allem schriftlichen Sprachbeherrschung.» (Bericht, S. 294)

Angesichts der zunehmenden Verbreitung der englischen Sprache in den Medien und der Wirtschaft nahm man in dem Bericht von 1989 bereits an, dass in wenigen Jahren das Englische Dominanz über die Landessprachen erlangen könnte. Dass Schülerinnen und Schüler für das Lernen der englischen Sprache oft eine höhere Motivation zeigen als für die Landessprachen, wird im Bericht gesehen «als ein deutliches Indiz für das wachsende Vorherrschen des reinen Nützlichkeitsdenkens sowie der weltweiten sprachlich-kulturellen Interdependenz, in der wir uns bewegen.» (S. 295) Damit der nationale Zusammenhalt durch den verstärkten Gebrauch des Englischen nicht gelockert werde, müssten die Landessprachen gestärkt werden. Ziel sei ein «Typus von allgemeiner Dreisprachigkeit» (S. 303). Dass die Erreichung dieses Ziels eine grosse Belastung in der Schulbildung bedeuten würde, wird im Bericht eingeräumt.

In dem rund 400seitigen Bericht, der ein breites Echo fand, ist mit keinem Wort erwähnt, auf welche Art und Weise die angestrebte Dreisprachigkeit der Schweizer Bevölkerung erreicht werden sollte. Diese Frage ging den Bund nichts an, sie lag ganz klar in der Bildungshoheit der Kantone.

Diese wurde auch von der OECD hochgeschätzt. Noch 1990 lobte sie in ihrem Bericht über die Schweiz die hohe Anpassungsfähigkeit und den Pragmatismus des schweizerischen dezentralen Bildungssystems und «dass dieses spezifische Entscheidungssystem eine beneidenswerte Effizienz aufweist» (Bildungspolitik in der Schweiz. Bericht der OECD, S. 83, zitiert nach Standort Schule, Bd. 1, S. 159).

Zürich macht den Anfang, made in USA

1996 beschloss die Erziehungsdirektion Zürich die Einführung des obligatorischen Englischunterrichts an der Volksschule und den Gymnasien. Es war zunächst geplant, ab dem siebten Schuljahr Englisch als zweite Fremdsprache einzuführen. Die Lehrerschaft und die kantonalen Mittelschulen äusserten sich in der Vernehmlassung dahingehend, Englisch solle nicht vor dem achten Schuljahr unterrichtet werden. Der Zürcher Erziehungsrat beschloss jedoch im Dezember 1997, den Beginn des Englischunterrichts auf das siebte Schuljahr festzulegen, mit drei Wochenstunden.

Erstaunlicherweise wurde in Zürich bereits ein halbes Jahr später Frühenglisch, entgegen allen vorherigen Entscheiden, sogar schon ab der zweiten Primarschulklasse eingeführt. Wie konnte es zu einem solchen Hauruck-Beschluss kommen, der alle vorherigen Planungen auf den Kopf stellte?

Von einer Tagung in den USA, die er im April 1997 besucht hatte, brachte der Zürcher Bildungsdirektor Ernst Buschor radikale Ideen mit, die bis heute die Schulreformen in der Schweiz prägen, bis hin zum Lehrplan 21. Sie wurden in Form des Schulprojektes 21 erstmals umgesetzt. Die wichtigsten Inhalte waren altersdurchmischtes Lernen, selbstorganisiertes Lernen mit dem Computer und möglichst früher Englischunterricht, schon ab der ersten Primarschulklasse. Damit die Kinder möglichst intensiv Englisch lernten, fand der Unterricht teils immersiv statt, das heisst, Fächer wie Mathematik oder Handarbeit wurden auf englisch unterrichtet. Die Jacobs-Stiftung stellte 1 Million Franken zur Verfügung für das Projekt. Schulen, die sich freiwillig für eine Teilnahme meldeten, wurden mit attraktiver Infrastruktur belohnt, Lehrer mit mehrwöchigen Reisen in die USA. Nach Einschätzung des damaligen Präsidenten der kantonsrätlichen Bildungskommission, Oskar Bachmann, ging das ganze Schulprojekt 21 «komplett in die Hosen» («Neue Zürcher Zeitung» vom 9.3.2003). Die Methode der Immersion habe dazu geführt, dass die Schüler weder in Mathematik noch in Englisch vorankamen. Eine beteiligte Lehrerin berichtet, dass nach Beendigung des Versuchs von den Lehrern an ihrer Schule sämtliche Materialien mit einem Freudenfeuer vernichtet wurden.
Im Juli 1998 legte dann eine Expertenkommission der EDK das Sprachenkonzept Schweiz vor, das noch weiter ging. Hier wurde empfohlen, dass die Kinder schon im Kindergarten anderen Sprachen begegnen sollten, spätestens in der zweiten Klasse der Primarschule eine erste Fremdsprache erlernen sollten, spätestens ab der fünften eine zweite, und spätestens ab der siebten Klasse eine dritte. Ein früher Erwerb von mehreren Sprachen überlaste die Kinder nicht. Neurolinguistische Forschungen der letzten 15 Jahre hätten dies gezeigt. Entsprechende empirische Untersuchungen wurden allerdings nicht genannt.

Explizit verwiesen wird im Sprachenkonzept für die Schweiz auf die Kompatibilität mit der Sprachenpolitik des Europarates und der Europäischen Union. Das Weissbuch der EU, 1995 von der EU-Kommission herausgegeben, verlangt von allen europäischen Bürgerinnen und Bürgern die Kenntnis von drei Gemeinschaftssprachen.

Dementsprechend wird seit dieser Zeit tatsächlich in den EU-Staaten sehr früh Englisch gelernt. In der spanischen Region Galizien müssen bereits die Kindergärtler mit 3 Jahren Englisch lernen, bevor sie in ihrer Muttersprache schreiben und lesen lernen, und dies mit teuren, in England hergestellten Unterrichtsmaterialien, die die Eltern bezahlen müssen.

Auch die Ziele des Fremdsprachenunterrichts haben sich nun geändert, die Kompetenzorientierung wird hier bereits formuliert. Es gehe nur noch darum, «bestimmte unmittelbar verwendbare Grundkenntnisse (auch Teilkompetenzen) zu vermitteln» [Hervorhebung im Originaltext, gl] und eine «Lernkompetenz» zu entwickeln (Quelle: EDK, Sprachenkonzept Schweiz, Bern 15. Juli 1998). Die «funktionale Mehrsprachigkeit» sei für den international einsetzbaren Mitarbeiter in der globalisierten Arbeitswelt wichtig, das heisst, Arbeitsanweisungen verstehen, Bedienungsanleitungen lesen – von Kennenlernen und Verständnis der dazugehörigen Kultur ist keine Rede mehr. Hier kann man bereits in Ansätzen erkennen, was in den späteren Sprachlehrbüchern auf die Schüler zugekommen ist: Kleine Alltagssätze formulieren, die man überall brauchen kann, statt Grundlagen der Grammatik und Wortschatz zu lernen und zu üben. Oberflächliche Spielereien mit der Sprache haben Vorrang vor fundierten Sprachkenntnissen.

Der «Sprachenkompromiss» – ein politischer Entscheid auf Kosten der Kinder

2004 legte die EDK schliesslich den sogenannten «Sprachenkompromiss» fest, ohne jegliche demokratische Mitwirkung. Damit sich die Romandie nicht vernachlässigt fühlen konnte, sollten eben nun nicht nur Englisch, sondern auch die zweite Landessprache bereits in der Primarschule gelernt werden. Ob dies pädagogisch sinnvoll ist, wurde nicht hinterfragt. Es ging um einen rein politischen Entscheid. Da die EDK kein Weisungsrecht an die Kantone hat, hatte und hat der EDK-Beschluss jedoch bis heute nur Empfehlungscharakter. Im eidgenössischen Sprachengesetz, das Bundesrat Berset nun ändern will, ist ausschliesslich festgelegt, dass bis zum Ende der Volksschulzeit Englisch und eine zweite Landessprache gelernt werden müssen. Der Zeitpunkt bleibt offen und damit den Kantonen überlassen. Das HarmoS-Konkordat von 2007 verpflichtet hingegen die zehn Deutschschweizer Beitrittskantone, beide Fremdsprachen bereits in der Primarschule ab der 3. und 5. Klasse zu unterrichten.

Von Anfang an Widerstand der Lehrer

Von Anfang an gab es von seiten der Lehrer aus pädagogischen Gründen starken Widerstand gegen zwei Frühfremdsprachen in der Primarschule. Hauptgründe für die Ablehnung waren, dass schwächere und fremdsprachige Kinder damit überfordert sind und dass zuviel wertvolle Lernzeit auf die Fremdsprachen verwendet wird, während andere, für die Primarschulzeit wichtigere Fächer zu kurz kommen. Auch die untauglichen, kompetenzorientierten Lehrmittel, die keinen ­systematischen Stoffaufbau ermöglichen und bei den Schülern nur Verwirrung hinterlassen, werden seit langem kritisiert.

Von verschiedenen Kantonen wie Appenzell-Innerrhoden und Uri wurden zwei Frühfremdsprachen in der Primarschule denn auch nie eingeführt. Der Widerstand ist nicht kleiner geworden, sondern hat im Gegenteil von Jahr zu Jahr zugenommen, auf Grund der negativen Erfahrungen, die gemacht wurden. Im Kanton Zürich ist eine Volksinitiative hängig, die verlangt, nur noch eine Fremdsprache in der Primarschule zu unterrichten, ebenso in den Kantonen Luzern und Graubünden. Eine Umfrage des St. Galler Lehrerverbandes 2015 ergab, dass von über 3000 Lehrern nur eine Minderheit von 17% zwei Frühfremdsprachen befürworteten. Inzwischen liegen auch genügend seriöse empirische Untersuchungen vor, die den mangelhaften Erfolg des Frühfremdsprachenlernens belegen. Die letzte grosse Untersuchung wurde von Dr. Simone Pfenninger an der Universität Zürich vorgelegt. Sie nutzte die einmalige Gelegenheit der Übergangszeit in Zürich vom späteren zum früheren Englischlernen und konnte aufzeigen, dass die sogenannten «Spätlerner» den zeitlichen Vorsprung der «Frühlerner» bis zur Matur gut aufgeholt hatten, die meisten sogar schon nach sechs Monaten. Wichtig ist auch Pfenningers Erkenntnis, dass das gute Beherrschen der eigenen Muttersprache ein Vorteil beim Lernen von Fremdsprachen ist.

Ähnliche Erfahrungen in der Praxis haben in den letzten zehn Jahren die Lehrer in allen Kantonen machen können. Der Kanton Thurgau hat mit seinem Entscheid, die zweite Fremdsprache (in diesem Fall das Französische) auf die Sekundarstufe zu verlegen, die Konsequenz aus dem Scheitern dieses Experiments gezogen.

Warum die EDK und Bundesrat Berset trotz aller negativen Erfahrungen und entgegen seriösen wissenschaftlichen Erkenntnissen weiterhin auf dem Unterrichten von zwei Fremdsprachen auf Primarschulstufe beharren, ist nur politisch erklärlich, pädagogisch jedenfalls nicht. Offensichtlich sind die Anpassung an EU-Normen und die Interessen internationaler Grosskonzerne wichtiger als jahrzehntelange eigene Erfahrungen, die bedenkenlos über Bord geworfen werden. Eine halbe Generation von Kindern ist für dieses unsinnige Projekt geopfert worden. Das ist mehr als genug, um zur Vernunft zurückzukehren.

Das Zürcher Experiment

Christian Aeberli, damals Mitarbeiter des Erziehungsdirektors Ernst Buschor und Leiter des Schulprojekts 21, beschreibt das von ihm so genannte «Zürcher Experiment» folgendermassen: «Im April 1997 besuchte der Erziehungsdirektor des Kantons Zürich eine internationale Bildungskonferenz in den USA. Die Tagung vermittelte einen Überblick über die neusten Entwicklungstendenzen des Unterrichts auf der Primar- und der Sekundarstufe. Themen, die an der Veranstaltung diskutiert wurden, waren unter anderem das Sprachenlernen, computergestütztes Lernen und autonomes, selbstgesteuertes Lernen.

Der Tagungsbericht des Erziehungsdirektors bildete die Grundlage für die Arbeit an der Schule für das ‹21. Jahrhundert›; den Auftrag dazu erteilte er nach seiner Rückkehr.

Anfang Mai trafen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Erziehungsdirektion ein erstes Mal zusammen. Aus dieser Arbeit entstand der Schulversuch Schulprojekt 21 (Lernen für das 21. Jahrhundert) an der Primarschule. Das Schulprojekt 21 beinhaltet drei Elemente: 1. klassenübergreifender, altersdurchmischter Unterricht zur Förderung des eigenständigen Lernens und des Lernens im Team, 2. Lernen mit dem Computer als Werkzeug und 3. Unterricht in englischer Sprache (teilimmersiver Ansatz, embedding). Der Versuch beginnt mit der ersten Klasse und dauert sechs Jahre.»

Quelle: Aeberli Christian. Englisch ab der ersten Klasse: Das Zürcher Experiment. In: Watts, Richard J., Murray Heather (Hrsg). Die fünfte Landessprache? Englisch in der Schweiz. Zürich 2001