Viele kantonale Initiativen im Zusammenhang mit dem Lehrplan 21 (LP 21) wenden sich gegen den Bildungsabbau in den schulischen Grundlagen. Die Volksinitiative «Ja zu einer guten Thurgauer Volksschule» fordert daher z.B., «die elementaren Ziele Lesen, Schreiben, Rechnen und eine positive Arbeitshaltung» zu sichern. Die Bildungsadministrationen behaupten hingegen, dass auch der LP 21 dies anstrebe. Ein Blick in den LP 21 erhellt, was künftig im Bereich Rechnen zu erwarten ist.

Der LP 21 legt im Mathematikunterricht viel Wert darauf, dass die Schüler eigene Rechenstrategien finden und überhaupt einen kreativen Umgang mit der Welt der Zahlen erwerben. Die Schüler «lassen sich auf offene Aufgaben ein, erforschen Beziehungen, formulieren Vermutungen und suchen Lösungsalternativen», heisst es z. B. in einer typischen Kompetenzumschreibung. Dahinter steht die modische Grundauffassung, dass die geistigen Entwicklungsmöglichkeiten der Schüler eingeschränkt würden, wenn die Lehrperson einen für alle sinnvollen und sicheren Weg erarbeitet, erklärt oder zeigt. Vielmehr sollte möglichst jeder eigene Wege finden – und das dauert z.T. sehr lang und ist für viele Schüler nicht erfolgversprechend.

Kaum fundiertes Wissen ...

Gleichzeitig werden fachliche Ziele vermehrt nach hinten verschoben oder ganz aufgegeben. Während bis vor kurzem noch klar war, dass das Verstehen und Auswendiglernen des Einmaleins in der zweiten Primarschulklasse stattfindet, ist für diesen Zeitpunkt im LP 21 nur noch ein kleiner Rest geblieben: Die Schüler «kennen Produkte aus dem kleinen Einmaleins mit den Faktoren 2, 5 und 10.»

Wesentlich später – zu unterrichten bis Ende vierte Klasse, von allen Schülern verbindlich zu beherrschen erst Ende der sechsten Klasse – heisst es dann, die Schüler «kennen die Produkte des kleinen Einmaleins.» Ab der fünften und spätestens ab der sechsten Klasse, sollen die Schüler aber schon «Grundoperationen mit dem Rechner ausführen» – lebhaft kann man sich vorstellen, dass nicht nur die Sicherung des Einmaleins weiter leidet.

... aber schwammige Kompetenzen

Ausserdem sollen die Schüler in der Mittelstufe «schriftlich addieren und subtrahieren» können, aber schriftliche Multiplikationen und Divisionen werden gar nicht mehr erwähnt! Auch in der Oberstufe wird auf bedeutsame Bildungsinhalte verzichtet. Die Schüler «können Prozentrechnungen mit dem Rechner ausführen», müssen sie aber weder schriftlich noch im Kopf beherrschen. Dazu kommt, dass im Bereich Rechnen auf verbindliche Ziele in der Oberstufe sogar ganz verzichtet wird. «Bei wenigen Kompetenzaufbauten sind keine Grundansprüche gesetzt worden. Bei diesen Aufbauten wird nicht vorausgesetzt, dass die Schülerinnen und Schüler im betreffenden Zyklus eine bestimmte Kompetenzstufe erreichen sollen.» Mit anderen Worten: Ein späterer Lehrmeister kann sich nicht einmal darauf verlassen, dass sein Lehrling Prozentrechnungen auf dem Taschenrechner ausführen kann.

Verzerrte Benotung ...

Sichere Rechenkenntnisse werden ausserdem durch die neue Notengebung infrage gestellt. Im LP 21 heisst es: «Formative Beurteilung berücksichtigt fachliche, personale, soziale und methodische Kompetenzen.» D. h., dass für die Zeugnisnoten nicht nur eine Rolle spielt, was ein Schüler kann, sondern es werden auch andere als fachliche Kriterien in die Benotung einbezogen. Beispielsweise haben nicht nur die sicheren mathematischen Kenntnisse und Fertigkeiten Einfluss auf die Note in Mathematik, sondern auch, ob der Schüler motiviert beim Arbeiten war, ob er gut mit Kollegen zusammengearbeitet und ob er selbständig gelernt hat, oder doch immer wieder vom Lehrer wissen wollte, wie eine Aufgabe anzugehen ist.

Konkret kann das bedeuten, dass ein Schüler, der unfähig ist, eine Rechenaufgabe korrekt auszurechnen, trotzdem eine genügende Note erhält, nur weil er einen zwar falschen, aber speziell kreativen Rechenweg gesucht hat, sehr motiviert beim Erforschen seiner Rechenstrategie gewesen ist und diese Strategie seinen Mitschülern auch noch sehr kommunikativ mitteilen konnte. Umgekehrt ist auch ein mathematisch geübter Schüler denkbar, der trotz richtiger Ergebnisse keine gute Note erhält, nur weil er keine besondere Kreativität und Kommunikationskompetenz gezeigt hat.

... und falsche Ansätze

Von Befürwortern des LP 21 wird immer wieder darauf hingewiesen, dass die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer gestärkt werden. Welchen wirklichen Stellenwert gesicherte Rechenkenntnisse dann tatsächlich haben, ergibt sich auch aus den neuen Stundentafeln. Z. B. im Thurgau soll die Gesamtstundenzahl in Mathematik neu um eine weitere Lektion reduziert werden. Zusammenfassend ist somit ein weiterer Abbau der Rechenfähigkeiten zu befürchten.

Dr. phil. Lutz Wittenberg, Erziehungswissenschaftler und Berufsschullehrer 

© EDU-Standpunkt Juli/ August 2016