Leserbrief in der «NZZ», erschienen am 28. April 2016

Um im Bildungswesen den gegenwärtigen Herausforderungen adäquat zu begegnen, fordert Rolf Arnold in seinem Gastkommentar «Es dämmert -nach vorn. Wider die Polemiken gegen die neue Lernkultur» (NZZ 19. 4. 16), das bisherige Konzept «<Learning from the past> dringend zu modifizieren» und sich von der «Fixierung auf Inhalte [zu] lösen». Wovon aber soll der Mensch lernen, wenn nicht aus den Erfahrungen und Fehlern der Vergangenheit? Der wesentliche Zweck dabei ist nicht die Anhäufung von Faktenwissen, sondern schlicht eine Tätigkeit namens Denken: Nur so erhält der Mensch die Gelegenheit, zu kombinieren, zu vergleichen, Zusammenhänge zu erkennen, Schlüsse zu ziehen und somit Urteilskraft und Orientierung zu erlangen, nach wie vor keine unwesentlichen Schlüsselkompetenzen. Warum eigentlich sich solche Kompetenzen nicht losgelöst von, sondern an sorgfältig ausgewählten und als relevant beurteilten Inhalten aneignen? Fehlt diese Auswahl, nähert man sich bedenklicher Inhaltsbeliebigkeit.

Eine weitere Aussage des Pädagogikprofessors erstaunt: Er spricht von einer «skandalös geringen Nachhaltigkeit des bisherigen Lernens», wobei «die Kenntnisse mehrerer Schuljahre oft fast vollständig verblassen». Klar, ich kann nicht mehr alle Latein-Vokabeln runterschnarren, die ich einmal mühselig büffeln musste; klar, ich kann nicht locker aus dem «Faust» rezitieren, mit dem ich mich wochenlang abgemüht habe. Aber meine damaligen Bemühungen speisen mein Selbstvertrauen bis heute, somit also die auch für Rolf Arnold zentralen Lehrziele «Persönlichkeitsstruktur» und «Verhaltenssicherheit».

Der moderne Lehrer soll weniger «steuern» und «belehren» als vielmehr die Lernenden beim Suchen «begleiten» und «beraten». Ausser dass in der Praxis zwischen diesen Aktivitäten kaum unterschieden werden kann: Wonach soll man denn suchen? Muss nicht zuerst mindestens die Richtung gewiesen werden, bevor der arme Suchende überhaupt etwas finden kann? Wozu braucht es denn noch den Lehrer, wenn der sein profundes Wissen, sein orientierendes Urteil nichtmehr anbringen darf? Und worin genau unterscheidet sich die «notwendige Gestaltung von Kontexten für die selbstorganisierte Aneignung» von der beklagten «Steuerung» durch den ach so autoritär Dozierenden?

Nein, die meisten Modelle der sogenannten neuen Lernkultur vermögen gedanklich und pädagogisch immer noch nicht zu überzeugen. Im Gegenteil: In dieser Form verraten sie im Grunde genommen eine veraltete Denkweise und sind gerade nicht geeignet, den neuen Zeiten wirksam zu begegnen.

Herbert Birchler, Zürich