Kommentar «Wellenbrecher» von Daniel Frischknecht, erschienen im «Seeblick», 29.04.2016

Kurt Lewin, ein bekannter Sozialpsychologe, welcher 1933 in die USA emigrierte, machte sich Gedanken über das Geschehen in Deutschland und setzte sich mit der Frage auseinander, wie Menschen, die autokratisch gedrillt wurden, wieder demokratisch funktionieren könnten. Dazu entwickelte er ein 3-Phasen-Modell, welches dem heutigen Change Management zugrunde liegt. Diese Methode wird in Organisationen angewendet, in denen umfassende und weitreichende Veränderungen anstehen, im Sinne von neuen Strategien, Strukturen, Prozessen oder Verhaltensweisen.

Nun taucht dieses Change Management auf einmal in der Schule im Zusammenhang mit der beabsichtigten Einführung des Lehrplans 21, respektive LP Volksschule TG, auf. Und zwar an Thementagungen oder Weiterbildungen für Schulleitungen. Es wurde in einer etwas gewöhnungsbedürftigen Art auf die Schulsituation angepasst. Darin heisst es z. B. «Konfrontation von Vorgesetzten, die den Wandel blockieren» oder «es braucht gegebenenfalls Personalveränderungen: Manchmal ist der einzige Weg, eine Kultur zu verändern, ein personeller Wechsel». Und bei den Lehrpersonen befürchtet man das Konfliktpotenzial vor allem bei älteren: «Die über 50-jährigen Lehrpersonen gewöhnen sich an nichts Neues», heisst es. Hoppla! Dabei ist zu erwähnen, dass Change Management nicht per se etwas Schlechtes ist, Voraussetzungen sind aber die Einweihung der Betroffen sowie deren Einverständnis, ansonsten ist dieses Instrument eher eine Waffe – nämlich der Manipulation! Die Lehrplaneinführung hat aber noch diverse andere Nebenwirkungen.

In Zukunft sollen nicht nur die Schüler systematisch nach Kompetenzen bewertet werden, sondern auch die Lehrkräfte und, last but not least, werden auch die Schulleitungen über Kontrollinstrumente, sog. Kompetenzprofile, gemessen. Bestehen dort Mankos, werden ihnen entsprechende Cocktails an Weiterbildungen verordnet, damit auch alle wieder schön konform funktionieren. George Orwell, der 1948 das Buch «1984» veröffentlichte, würde sich die Augen reiben, nicht wegen einer Pollen-Allergie, sondern weil seine Fiktion über Kontrollsysteme und Überwachungsstaat immer mehr zur Realität wird.