Leitartikel von Verena Herzog, erschienen in der «Schweizerzeit», Ausgabe vom 28. Oktober 2016.

Schule begeistert und motiviert, wenn ihre menschliche Dimension in den Mittelpunkt gestellt wird und Bildung zur Beziehungssache wird.

Schulleitungen und ihre Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer sind das Rückgrat der Schule, wichtigste Bezugspersonen und Vorbilder für die Schülerinnen und Schüler. Ein Schulkonzept, wie es der Lehrplan 21 vorsieht, das die Kinder alleine lässt und die Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer zu Administratoren degradiert, muss abgewendet werden.

Die Qualität der Volksschule entscheidet massgeblich über den Wohlstand unseres Landes. Eine gute Schulbildung ist die wichtigste Voraussetzung für den späteren beruflichen Erfolg der Kinder. Mit dem dualen Bildungssystem und seiner Durchlässigkeit ist die Schweiz weltweit Vorbild. Wie lange noch?

Ständige Bildungsbaustellen gefährden den Erfolg und sind extrem teuer

In der Volksschule werden die Grundlagen für eine erfolgreiche Ausbildung gelegt. Fragwürdige Reformen und zu viele Bildungsbaustellen in den letzten Jahren führten zu ständiger Unruhe, Belastungen und stetig steigenden Bildungsausgaben – ohne messbaren Erfolg. Zunehmend bemängeln Eltern, Lehrmeister und Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer weiterführender Schulen die oft ungenügenden Grundlagen der Schulabgänger in Deutsch, Mathematik und Naturwissenschaften. Es fehlt das Wissen als Grundlage zur Fachkompetenz.

Mit Grossreform am Ziel vorbei

Mit der Annahme des Bildungsverfassungsartikels 2006 durch Souverän und Stände wurden wichtigste Eckwerte vorgeschrieben. Betroffen sind das Schuleintrittsalter, die Schulpflicht, Dauer und Ziele der Bildungsstufen und deren Übergänge sowie die schweizweite Anerkennung der Bildungsabschlüsse. Der Lehrplan 21 wurde eigenmächtig, ohne Volksauftrag, von der Eidgenössischen Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) realisiert. Während acht Jahren entwickelten 200 Fachleute im stillen Kämmerlein das monströse Regelwerk, das heute niemand durchschaut. Das angestrebte Ziel des Lehrplans 21, die Harmonisierung der Schulsysteme zwischen den Kantonen, wurde verpasst. Um einen Wohnortwechsel eines Kindes zu vereinfachen, müssten klare und überprüfbare Jahrgangsziele für die einzelnen Schulfächer festgeschrieben werden. Stattdessen wurden Bildungsziele nur in Fachbereichen statt Fächern und nur in vier- bzw. dreijährigen Zyklen formuliert. Es wird nur noch festgelegt, was eine Schülerin und ein Schüler nach vier bzw. drei Jahren können soll. Dafür sollen 363 Kompetenzen und 2 300 schwammige Kompetenzstufen gemessen, respektive abgehakt werden. Auch die Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer sollen von ihren Schulleitern in 35 Kompetenzen bewertet und bei ungenügender Leistung zu einer Weiterbildung verpflichtet werden. Der Bürokratie werden Tür und Tor geöffnet.

Viele Eltern und Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer sind beunruhigt

Mit dem Lehrplan 21 sollen nicht nur fragwürdige Reformen zementiert, sondern der Unterricht durch Konzepte, die sich in anderen Ländern bereits als untauglich erwiesen haben, belastet werden.

Die Zauberworte des Lehrplans 21 heissen Kompetenzen, individualisierter Unterricht und selbstorganisiertes Lernen. Wie Erfahrungen zeigen, kommen damit leistungsstarke Schülerinnen und Schüler einigermassen zurecht. Die Mehrheit der Kinder hat jedoch Mühe damit – sie lernen ohne verbindliche Anleitung durch die Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer nur oberflächlich oder resignieren. Viele Eltern setzen sich schon heute stundenlang mit ihren Kindern hin und arbeiten den Wochenplan ab. Es ist zu befürchten, dass Lerninhalte und Wissen auf der Strecke bleiben. Damit steht der Lehrplan 21 in krassem Widerspruch zur längst bekannten Tatsache, dass Lernen in erster Linie ein zwischenmenschlicher Prozess ist, in dem die Lehrperson einen wichtigen Platz einnimmt. Widerstand und Kritik aus verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Richtungen ist nachvollziehbar. Zahlreiche Persönlichkeiten von links bis rechts, aus der Wirtschaft und vor allem auch Kinderärzte und Erziehungswissenschaftler setzen grosse Fragezeichen zum Lehrplan 21.

Interkantonal macht sich eine breite Allianz für eine gute Bildung der Kinder stark und leistet grossen Einsatz. In 12 Kantonen sind Volksentscheide zum Lehrplan 21 oder anderen Schulreformen geplant.

Eine breite Diskussion und demokratische Mitbestimmung sind notwendig

Der Lehrplan 21 ist einschneidend und verschlingt Steuermillionen. Nachdenklich stimmt, wenn Schulleitungen und Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer mit Repressalien durch Schulbehörden rechnen müssen, falls sie den Lehrplan 21 kritisch hinterfragen! Genau das passiert zurzeit im Kanton Thurgau und der Druck der Schulbehörden nimmt laufend zu.

Die Bevölkerung muss bei so wesentliche Bildungswandlungen entscheiden können, ob sie blinden Aktionismus in der Schule zulassen will oder ob sie den gewachsenen Lehr- und Lernbeziehungen in den Klassenzimmern ihr Vertrauen schenkt, besonders auch im Kanton Thurgau.

von Verena Herzog, Nationalrätin & Vorstandsmitglied der Aktion Bildungs-Kompass, Frauenfeld

 

Am 27. November 2016 finden in den Kantonen Thurgau und Schaffhausen wichtige bildungspolitische Volksabstimmungen statt. Im Kanton Thurgau stimmt der Souverän über die Volksinitiative «Ja zu einer guten Thurgauer Volksschule» ab. Die Schaffhauser Volksinitiative «Ja zu Lehrpläne vors Volk» eines überparteilichen Komitees will die Volksmitsprache bei Lehrplänen sicherstellen.