Von Carl Bossard, Journalist, journal21.ch

In der Sprachenfrage an den Schweizer Primarschulen herrscht babylonische Sprachverwirrung. Nun greift der Bund ein. Das verschärft die Risse im eidgenössischen Sprachgebälk. Ein Klärungsversuch.

Englisch ist zur modernen Lingua franca geworden. Wer in der wirtschaftlich globalisierten Welt modernitätsfähig sein will, braucht darum als zwingende Bedingung eine fremdsprachliche Qualifikation. In der Schweiz gehört dazu die Kenntnis einer zweiten Landessprache. Mindestens doppelsprachig müssen die Kinder sein. Da sind sich fast alle einig.

Darüber hinaus aber zerbricht der Konsens. Wann soll mit dem Fremdsprachenlernen begonnen werden? Wie viele Sprachen sind schulisch schwächeren Primarschulkindern zumutbar? Und wie steht es um die Kenntnisse in der Hochsprache Deutsch – für viele ja auch eine Art Fremdsprache?

Argumentenwirrwarr im Fremdsprachenstreit

Frühfranzösisch lässt sich nicht isoliert betrachten. Zu viele Positionen stehen sich diametral gegenüber. Zwei Fremdsprachen bereits in der Primarschule, sagen die Kosmopoliten und Modernisierer, jene mit dem idealistisch hohen Bildungsanspruch für alle. Die pädagogische Erfahrung hält dagegen: Mit zwei Fremdsprachen sind viele Kinder – vor allem auch solche mit Migrationshintergrund – überfordert. So argumentieren viele Lehrerinnen und Lehrer und verweisen auf die Fülle der Fächer und die Heterogenität heutiger Klassen, das begrenzte Zeitbudget und die fehlenden Übungsphasen. Gleichzeitig beklagen sie den Sprachverlust in der Muttersprache.

Ohne zweite Landessprache bereits in der Primarschule geht es nicht, sagen die offizielle Schulpolitik und der Lehrplan 21. Doch nicht alle Kantone ziehen mit. Nun droht Bundesrat Alain Berset mit Intervention und gesetzlichem Zwang. Denn ohne Frühfranzösisch bröckle der eidgenössische Konsens und zerbreche die mehrsprachige Schweiz: Frühfranzösisch als kulturpolitisch-nationale Kohäsionsfrage.

Möglichst früh eine zweite Landessprache lernen

Fremdsprachenunterricht in der Volksschule war lange Zeit eine Domäne der Sekundarstufe I (7. bis 9. Schuljahr). Die Primarschule beschränkte sich auf die Kernfächer Deutsch und Mathematik, Heimatkunde mit Geschichte und Geographie sowie die musich-kreativen Fächer; dazu kamen Sport und Religionsunterricht.

Schweizer Schulkinder müssen möglichst früh eine andere Landessprache lernen. Diese Idee verfolgte die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK mit ihrem Projekt „Reform und Vorverschiebung des Fremdsprachenunterrichts“. Bis in die 1990er-Jahre war Französischunterricht auf der Primarstufe in fast allen Kantonen Realität. Die Sprache sollte zum Kitt werden für den Zusammenhalt der föderalen Schweiz.

Ernst Buschors Fait accompli

2000 überraschte der Zürcher Bildungsdirektor und Reformturbo Ernst Buschor mit dem Entscheid: English first. Frühenglisch vor Frühfranzösisch hiess seine Devise. Das „moderne Esperanto“ war gefragt, und es lernt sich erst noch leicht, so seine Argumentation. Die Bedürfnisse der Gesellschaft und der Wirtschaft hatten Vorrang; sprachpolitische Befindlichkeiten rückten in den Hintergrund.

Mehrere Kantone folgten Zürich; sie führten Englisch als erste Fremdsprache ein. Heute beginnen 14 Kantone mit Frühenglisch, die übrigen mit einer zweiten Landessprache. In 20 von 26 Kantonen wird die erste Fremdsprache spätestens ab dem dritten, die zweite ab dem fünften Schuljahr unterrichtet. Im Modell 3/5 liegt seit 2004 die Sprachstrategie der EDK begründet. Innerrhoden, der Aargau und Uri aber unterrichten in der Primarschule kein Französisch. Ab Sommer 2017 verlegt auch der Kanton Thurgau den Französischunterricht wieder auf die Oberstufe. In mehreren Kantonen verlangen Volksinitiativen für die Primarstufe die Reduktion auf eine Fremdsprache.

Allons-y oder let's go?

Wie hältst du's mit den Landessprachen? Fast eine Gretchenfrage. Sie erhitzt die Gemüter. Doch die Alternative Französisch oder Englisch ist so verquer wie die Frage, ob die Schule Lesen oder Rechnen lehren müsse. Beides ist wichtig – sowohl Englisch wie eine zweite Landessprache –, und was wichtig ist, muss richtig getan werden.

Hier beginnt der Streit. Über den richtigen Zeitpunkt und die Intensität scheiden sich die Geister – und über die Frage, ob eine zweite Fremdsprache für alle Kinder obligatorisch sein müsse. Lange Zeit galt der Grundsatz als unbestritten: je früher, desto besser. Davon war man an den Schweizer Primarschulen überzeugt. Das ist nicht prinzipiell falsch. Fraglos lernen Kinder vieles leichter und schneller als Adoleszente und Erwachsene. Das zeigt sich bei Jugendlichen, die zweisprachig aufwachsen. Sprach-Switchen ist für sie kein Problem. Sie tauchen ja in die Sprache ein. Immersion heisst das magische Wort. Das "Bain de français" ist Alltag.

Ernüchternde Resultate

Wie ganz anders verhält sich die Situation im Klassenverband mit bloss zwei, vielleicht drei Einzellektionen pro Woche. Eine repräsentative Studie von 2016 in der Zentralschweiz schockiert. Nur jeder 30. Achtklässler spricht lehrplangerecht Französisch, nicht einmal jeder zehnte erreicht die Ziele im Hörverstehen. Etwas besser, aber immer noch unbefriedigend, sehen die Resultate beim Lesen und Schreiben aus. Untersucht wurden 3'700 Schüler der 6. und 8. Klasse.

Nicht zufriedenstellend, wenn auch leicht günstiger, sehen die Ergebnisse im Kanton Zug aus. Hier haben die Schüler bis zum achten Unterrichtsjahr insgesamt zwei Wochenlektionen mehr Französisch als in Nachbarkantonen. Und doch erreicht eine deutliche Mehrheit der Zuger Schülerinnen und Schüler die Lehrplanziele nicht.

Leider hat das Institut für Mehrsprachigkeit IfM der Universität Freiburg i.Üe. die Auswirkungen von zwei Fremdsprachen auf das Fach Deutsch nicht untersuchen können. Das aber wäre entscheidend.

Deutsch als Conditio sine qua non

Die wenigsten wachsen bilingual auf. Darum ist eine gute Lese- und Schreibkompetenz in der Erstsprache grundlegend fürs Fremdsprachenlernen. Zu dieser Einsicht gelangt die Sprachwissenschafterin Simone Pfenniger, Universität Zürich, in ihrer vielbeachteten Langzeitstudie zum Frühenglisch. Wer eine Sprache wirklich lernen und nicht nur ein bisschen talken oder eben parlieren will, der muss sie von ihrer Struktur her begreifen, er muss eine „innere Grammatik“ mitbringen. Darum, so Pfenningers Kurzfazit, lernt besser Englisch, wer gute Deutschkenntnisse hat. Das gilt sicher auch fürs Französisch.

Eine präzise Kenntnis der Muttersprache ist zwingend. Und hier hapert es. Wer ins Fach Deutsch zoomt, stellt bedenkliche Lücken fest. Auf allen Stufen. Selbst bei Hochschulabsolventen ortet man Symptome sprachlicher Verwahrlosung. Wie anders ist es denn zu erklären, dass 15 Prozent der 15-jährigen Schweizer Schülerinnen und Schüler die Schule als Analphabeten verlassen? Oder dass in Zürich die Hälfte der Polizeianwärter beim Deutschtest durchfällt? Auch der ehemalige ETHZ-Rektor Lino Guzzella konstatierte bei seinen Studierenden sprachliche Defizite.

Zuerst scharfzüngig, erst dann mehrzüngig

Seltsam: Kaum ein Bildungsdirektor kümmert sich um die Muttersprache. Wie wenn sie Nebensache wäre, sozusagen Quantité négligeable. Im Gegenteil: Die EDK fixiert sich auf zwei Fremdsprachen in der Primarschule – mit einer Obsession, als wäre die ganze Schule damit gerettet und alles im Lot. Dabei müssten jungen Menschen zuerst klarzüngig sein und scharfzüngig, wie es der Philosoph und Publizist Ludwig Hasler ausdrückt. In einer kommunikativ verdichteten, mediengeleiteten Gesellschaft sowieso.

Denken vollzieht sich sprachlich. Sprachliches Können aber ist weder geheimnisvoll, noch fällt es vom Himmel. Sprechen und Schreiben sind ein Handwerk, und sie wollen wie jedes Handwerk gelernt sein – und intensiv trainiert. Das braucht Zeit und Raum und wäre das schulische Postulat der Stunde, konzentriert und intensiv das didaktische Gebot. Alles ist bekanntlich der Feind von etwas.

Von den Appenzellern lernen

Vielleicht machen es die Appenzell Innerrhödler vor: Sie verlegten den Französischunterricht auf die Sekundarstufe – und unterrichten hier mit hoher Kadenz: fünf Lektionen im ersten Jahr und je vier in der zweiten und dritten Klasse. „Das Modell hat sich bewährt“, sagt der kantonale Bildungsdirektor und fügt bei: „Unsere Jugendlichen erreichen zweifellos die Sprachkompetenzen, wie sie das Sprachengesetz für das Ende der obligatorischen Schulzeit verlangt.“ Entscheidend ist das gemeinsame Ziel, nicht der einheitliche Weg. Mit diesem Modell bleibt in der Primarschule zudem mehr Zeit fürs Kernfach Muttersprache.

Wer scharfzüngig ist und gut Deutsch kann, wird leichter vielzüngig und damit mehrsprachig. Vielleicht etwas gar einfach. Doch im Einfachen liegt ein Stücklein Wahrheit.

© journal21.ch, 22. Juli 2016