Leserbrief von Hanspeter Amstutz, TagesAnzeiger vom 1. Juni 2016

Mit längst überholten Theorien über das Fremdsprachenlernen versuchen Bildungspolitiker das sprachliche Kurzfutterkonzept der Primarschule zu retten. Doch das Festklammern an einem gescheiterten Konzept führt bei der Umsetzung des neuen Lehrplans zu überladenen Lektionentafeln und verhindert vernünftige Lösungen.

An der Tatsache, dass es in der Mittelstufe für einen intensiven Unterricht in Englisch und Französisch einfach keinen Platz hat, kommt man nicht vorbei. Mit der Einführung von Medienkunde und Informatik und dem Ausbau des Bereichs Natur und Technik soll die Primarschule einen grossen Schritt in die Moderne machen. Gleichzeitig wird aber eisern am doppelten Sprachenlernen festgehalten. Ungeachtet der Obergrenze bei der Lektionenzahl wird gar noch eine zusätzliche Lektion Französisch festgeschrieben.

Diese Rechnung kann nie aufgehen, da durch die Erhöhung der Lektionenzahl erhebliche Mehrkosten entstehen. Zur finanziellen Kompensation wird der enorm wichtige Halbklassenunterricht gekürzt und gewisse Leistungen auf die Gemeinden überwälzt. Damit rücken die versprochenen besseren Rahmenbedingungen für intensives Sprachenlernen in weite Ferne. Statt den oft masslosen Erwartungsdruck durch ein schülergerechtes Bildungskonzept etwas abzubauen, wird noch mehr versprochen.

Die Primarschule soll sich auf ihre pädagogischen Kernaufgaben besinnen, die weit mehr umfassen als das Lernen zweier Fremdsprachen. Viele Kinder würden lieber in einem Fach mit naturkundlichen oder technischen Aufgabenstellungen richtig gefördert werden als die Frösche und Kaulquappen auf Englisch zu benennen.

Hören wir endlich auf, das frühe doppelte Sprachenlernen als grosse Bildungschance zu bezeichnen. Gut Deutsch lernen, den Einstieg in naturwissenschaftliche Fächer mit kindgerechtem Unterricht erfolgreich gestalten, die Informatik sorgfältig einführen und die musischen und handwerklichen Fächer als pädagogische Bereicherung sehen, all das bringt auf der Mittelstufe weit mehr. Hoffen wir, dass sich die pädagogische Vernunft durchsetzt.