Bundesrat Berset will die Schweiz retten – und tritt die Volksrechte mit Füssen. Von Peter Keller

Bundesrat Alain Berset hat ein Machtwort gesprochen – wohl auf Französisch. Er setzt die Kantone unter Druck: Sie sollen sich auf eine gemeinsame «Sprachenstrategie» verständigen, das heisst zwingend zwei Fremdsprachen (wovon eine Landessprache) in der Primarschule einführen. Der Innenminister schlägt verschiedene Varianten vor, wie das schweizerische Schulwesen «harmonisiert» werden könne.

Damit fängt der höhere Unsinn schon an. Harmonisierung ist das Gegenteil von Vielfalt, nämlich Vereinheitlichung. Frankreich hat sein Territorium schon länger «harmonisiert» – und dabei das Elsässische mehr oder weniger ausgerottet, aber auch andere sprachliche Minderheiten wie das Baskische oder das ­Bretonische fast zum Verschwinden gebracht.

Man kann nicht die Vielfalt der Schweiz in vier Landessprachen besingen und dann par ordre du chef eine Sprachendoktrin über alle verhängen. Das ist nicht einmal mehr widersprüchlich, sondern schlicht dumm.

Von oben verordnet

Berset hat allerdings recht, wenn er sagt, dass die «Mehrsprachigkeit ein Wesensmerkmal der Schweiz» sei. Wir machen uns aber auch ­etwas vor: Eine mehrsprachige Schweiz heisst nicht unbedingt, dass auch jeder Schweizer mehrsprachig ist. Immerhin gibt es heute schon ein Sprachengesetz. Es verlangt, dass die Schüler «am Ende der obligatorischen Schulzeit» über «Kompetenzen» in mindestens ­einer zweiten Landessprache verfügen. That’s it. Den Weg dorthin sollen die Kantone aber ­selber bestimmen. Das nennt man übrigens Föderalismus – und er ist ein mindestens so wichtiges Wesensmerkmal der Schweiz.

In gewissen Kantonen gebe es «Bestrebungen», den erreichten Harmonisierungsstand rückgängig zu machen, lässt Berset düster ­verlauten. Diese «Bestrebungen» sind in Wahrheit Volksinitiativen. Die Bevölkerung wehrt sich demokratisch gegen eine von oben verordnete Sprachenpolitik, deren Nutzen selbst Linguisten bestreiten. Umso seltsamer ist das Vorgehen des SP-Bundesrates: Er bemüht für sein sprachideologisches Vor­preschen ausgerechnet den «nationalen ­Zusammenhalt» – und tritt dabei gleichzeitig die wichtigsten Grundlagen unseres Zusammenlebens mit Füssen: die föderale Selbst­bestimmung der Kantone und die demokra­tischen Rechte der Bevölkerung.

© DIE WELTWOCHE, 14. Juli 2016