Kommentar von Konrad Paul Liessmann, erschienen in der Neuen Zürcher Zeitung, Ausgabe vom 20. Juli 2016

Heute muss alles leicht gehen. Sich anzustrengen, ist verpönt, noch verpönter ist es, jemandem eine Anstrengung abzuverlangen. Bis zu 40 Prozent der Erwachsenen, so lesen wir, sind des Lesens und Schreibens so entwöhnt, dass sie normalen schriftlichen Kommunikationen nicht mehr folgen können. Zwar sollten diese Menschen in der Schule einmal die grundlegenden Kulturtechniken erworben haben, aber wer diese nicht ständig nützt, verliert sie offenbar wieder. Nun könnte man versuchen, davon Betroffene wieder an die Sprache, an anspruchsvollere Texte heranzuführen – aber das wäre für alle Beteiligten viel zu anstrengend. Einfacher ist es, alles zu vereinfachen. Da kommt das für geistig Behinderte und sprachunkundige Migranten entwickelte Konzept der «Leichten Sprache» gerade recht.

Was aber soll man darunter verstehen? Die Duden-Redaktion legte soeben ein Handbuch «Leichte Sprache» vor. Unter Aufbietung aller Raffinements, die der Jargon der Soziolinguistik bietet – also in ziemlich schwerer Sprache –, wird die These propagiert, dass Leichte Sprache eine Varietät der deutschen Sprache unter vielen sei, angesiedelt zwischen Dialekten, Fachsprachen und Xenolekten. Diese These mutet kühn an, handelt es sich bei Leichter Sprache doch um ein Kunstprodukt, das vom Netzwerk Leichte Sprache entwickelt wurde. Leichte Sprache ist vor allem durch Verbote charakterisiert. Nicht erlaubt sind unter anderem Nebensätze, Passivkonstruktionen, Jahreszahlen, Metaphern und der Genitiv.

Schöne neue Sprachwelt. Zahlreiche Behörden sind mittlerweile verpflichtet, ihre Verlautbarungen auch in Leichter Sprache zu veröffentlichen, einige gehen dazu über, alle Bürger nur noch in Leichter Sprache zu informieren, um die Stigmatisierung von Menschen, die auf Leichte Sprache angewiesen sind, zu verhindern. Übersetzungsbüros schiessen aus dem Boden, die Nachfrage ist gross, das Geschäft mit der Vereinfachung läuft bestens. Und bevor noch die erste zögerliche Kritik an dem Unterfangen geäussert werden kann, hat sich dieses dagegen auch schon immunisiert: Wer Vorbehalte anmelde, hänge wohl einem reaktionären Bildungsideal an und wolle Menschen, die Schwierigkeiten mit einer komplexen Sprache hätten, diskriminieren.

Sprache, so suggerieren es diese Konzepte, diene nur der Übermittlung simpler Informationen. Wenn man alles Notwendige wie Formulare, Parteiprogramme und Wahlaufrufe gleich in Leichter Sprache verfasse und alles Unnötige wie Goethes «Faust», die Bibel und Thomas Manns «Zauberberg» in Leichte Sprache «übersetze», sei niemand mehr von den Segnungen der Politik und Kultur ausgeschlossen. «Übersetzen» ist hier aber ein gefährlicher Euphemismus. Denn es handelt sich nicht darum, einen Text mit all seinen Nuancen von einer in eine andere Sprache zu übertragen, sondern um den Versuch einer radikalen Reduktion, Verflachung und Vereinfachung. Leichte Sprache ist seichte Sprache.

Dass in und mit Sprache gedacht und argumentiert, differenziert und artikuliert wird, dass es so etwas wie Rhythmus, Stil und Komplexität als Sinn- und Bedeutungsträger gibt, wird unterschlagen. Dieselben besorgten Menschen, die sich darüber beklagen, dass die Populisten alles vereinfachten, in den sozialen Medien nur noch primitive Ablehnungsvokabeln verwendet würden und dem Volk deshalb nicht mehr zu trauen sei, fördern durch die Propagierung der Leichten Sprache ebendiese Entwicklung. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Konrad Paul Liessmann ist Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien.