Gendergerecht ist nicht sprachgerecht – aus der «Schweizerzeit», Ausgabe vom 11. November 2016

von Régis Ecklin, Zollikon ZH

Pädagogische Hochschulen versuchen, die Sprache der Studenten zu kontrollieren. Während der schriftlich festgehaltene Sprachleitfaden an der Pädagogischen Hochschule Zürich noch als Empfehlung zu verstehen ist, ist er an der PH Bern bereits verbindlich. Das Stossende dabei: Beide sind fehlerhaft.

Der «Leitfaden Geschlechtergerechte Sprache» der PH Zürich ist die Bibel der Gender-Ideologen. Man darf ihn aber nicht wörtlich nehmen, da er keiner wissenschaftlichen Prüfung standhalten würde. Folgendes wird verkündet: «Zwar gelten die Pronomen ‹jemand, niemand, man› als geschlechtsunabhängig. Trotzdem ist darauf zu achten, dass in der Folge nicht mit einem maskulinen Pronomen auf sie Bezug genommen wird.» Man soll auf «jemand, niemand, man» keinen Nebensatz bilden, da man sonst ein männliches Pronomen verwenden müsste. Von Sätzen wie «Ich suche jemanden, der mir den Genderwahn erklären kann», wird also abgeraten, da es sein könnte, dass das Relativpronomen «der» Frauen abschreckt und sie davon abhält, sich zu melden – ein sehr fragwürdiges Frauenbild, das den Frauen eine kampflose Kapitulation aufzwingt. Dass man auf den in Didaktikerkreisen weit verbreiteten Ausdruck «Lehrperson» nur mit einem weiblichen Pronomen Bezug nehmen kann, ist indessen kein Problem.

Kuriose Wortschöpfungen

Anschliessend werden Studenten dazu angehalten, von Dozierenden, einem Wort, das im Duden nicht vorkommt, statt von Dozenten zu sprechen. Problematisch ist, dass das Partizip Präsens (die «-end»-Form) eine Tätigkeit, die gerade ausgeführt wird, beschreibt. Dozent kommt ausserdem vom lateinischen docēns, das bereits dozierend heisst. Das wurde den Gender-Kreationisten schon oft gesagt, aber mit montierten Scheuklappen und tief sitzenden Ohrenpfropfen wollen sie dennoch «Dozierender» durchpauken. Wenn sich diese hysterische statt historische Denkweise etabliert, nennt man Studenten nach ihrem Abschluss bald Hochschulabsolvierende.

Man ist sich immerhin bewusst, dass diese sprachlichen Abenteuer nicht ernst zu nehmen sind, weshalb an der PH Zürich kaum ein Dozent das Nichteinhalten der improvisierten Sprachregeln als Fehler taxiert. Die rechtliche Grundlage fehlt genauso wie die sprachliche.

«Olymp der Anmassungen»

Ganz anders sieht es westlich der Aare aus. Der Olymp der Anmassungen wurde an der Pädagogischen Hochschule Bern erklommen, wo Beamte faktenfrei und hoch zu Ross den Studenten ein zwölfseitiges Köchelverzeichnis der Genderfragen als verbindliches Regelwerk vorgelegt haben. Michael Gerber, Sprecher der PH Bern, gab gegenüber der «SonntagsZeitung» zu verstehen, die «gendergerechte Sprache» sei genauso ein Anforderungskriterium wie die korrekte wissenschaftliche Zitierweise. «Wenn dieses Kriterium nicht erfüllt ist und ein Student wiederholt ‹Lehrer› schreibt, aber beide Geschlechter meint, gibt es einen Abzug oder die Arbeit wird zurückgewiesen», erklärt er. Die aus dem Boden gestampften sieben Tipps für den Berufs- und Studienalltag triefen jedoch vor Fehlern.

Zunächst werden auch in der Bundesstadt Partizipien über Prinzipien gestellt. Nebst des inexistenten Dozierenden haben die Berner Gender-Kommissare das Wort «Assistierender» ersonnen.

Widersprüchliche Aussagen

Unter dem Titel «Achten Sie auf die Korrektheit und Gleichwertigkeit Ihrer geschlechtsspezifischen Formulierungen» führen die selbsternannten Gleichstellungsbeauftragten folgende Trivialität auf: «Im Deutschen müssen die Substantive und ihre Bezugswörter im grammatischen Geschlecht übereinstimmen (Kongruenzregel): Auftraggeberin ist die PH Bern. Meine Kollegin wurde zur Schulleiterin ernannt.»

So weit stimmen diese Anweisungen tatsächlich – was die Autoren allerdings nicht daran hindert, ihnen in den darauffolgenden Erklärungen diametral zu widersprechen: «Treten grammatisches und natürliches Geschlecht in Konkurrenz zueinander, ist das natürliche Geschlecht massgebend: Das Mädchen war eine gute Vertreterin der Anliegen ihrer Klasse. Sie (und nicht ‹es›) war bei allen beliebt.» Die Behauptung, das natürliche Geschlecht spiele irgendeine Rolle bei der Wahl der Bezugswörter, ist falsch. Ansonsten hätten die Zeitungen über Lorenzo Vinciguerra schreiben müssen: «Die Geisel war drei Jahre lang gefangen, bevor er sich befreien konnte».

Schwachsinniger Kleinkrieg

Schliesslich wird behauptet: «Bezeichnungen, die nur Frauen oder nur Männer meinen, können durch Umformulierungen umgangen werden». Hierzu wird folgendes Beispiel aufgeführt: «Statt: Wir suchen jemanden, der uns hilft. → Wir suchen eine Person, die uns hilft». Welches Problem Pädagogen hierzulande mit dem Pronomen «jemand» haben, bleibt ein Geheimnis. Die Behauptung, «jemand» meine nur Männer, ist auf jeden Fall Schwachsinn. Der Duden definiert «jemand» als «eine unbestimmte einzelne Person, die in einem bestimmten Zusammenhang gesehen wird; irgendein Mensch». Dass man den Funktionären der PH Bern dies tatsächlich mit Hilfe des Dudens erklären muss, zeigt, wie die unseriöse Gender-Industrie ausufert. Die Sprache geht vor die Hündinnen und Hunde.

Régis Ecklin ist Student an der Pädagogischen Hochschule Zürich.