Leserbrief, bezugnehmend auf den Artikel «Maulkörbe für kritische Lehrer?» von der Ausgabe vom 24. Mai 2016

Der Thurgauer Regierungsrat schreibt: Gegen aussen dürften Lehrer «ihre Meinung zu Projekten frei äussern», in die sie «nicht im engeren Sinne involviert» sind. Schulintern dürften die Lehrer sich nur so lange frei äussern, als «der politische Prozess läuft». «Sind jedoch schulpolitische Entscheide gefällt worden, sind Lehrpersonen verpflichtet», diese «loyal umzusetzen». Diese Auffassung der Thurgauer Regierung ist aus rechtlicher Sicht klar zurückzuweisen. Denn jeder Volksschullehrer ist in Bezug auf den Lehrplan 21 «im engeren Sinne involviert». Gerade weil sie Experten in Lehrplanfragen sind, ist die Stimme der Lehrer für die Meinungsbildung von grosser Bedeutung. Was die Verpflichtung zur Loyalität angeht:

Wer fällt denn den «schulpolitischen Entscheid» über den Lehrplan 21? In vielen Kantonen, so auch im Thurgau, verlangen Volksinitiativen, dass das Parlament und/oder die Stimmberechtigten über eine derart grundlegende Weichenstellung entscheiden sollen. Von den Kantonsregierungen ist einzufordern, dass sie vor den entsprechenden Volksabstimmungen sämtliche Vorbereitungen und Einführungskurse sistieren und so gleichzeitig Millionen unserer Steuergelder sparen. Stattdessen wollen sie nächstens die ersten flächendeckenden Mathetests im Stil des Lehrplans 21 auf pro Kanton je 1000 Schüler des 9. Schuljahres loslassen. So nicht!

Dr. iur. Marianne Wüthrich, Wil

© St. Galler Tagblatt; 27. Mai 2016