Schwerpunkt-Artikel von Hedwig Schär, erschienen in der «Schweizerzeit», Ausgabe vom 28. Oktober 2016.

Als Lehrerin habe ich den Auftrag, die gesteckten Lehr- und Lernziele in der Schule zu erreichen und die Kinder zu selbständigen, lebenstüchtigen Persönlichkeiten mit Verantwortung gegenüber Mitmenschen und Umwelt zu bilden. Dies in Ergänzung zur Erziehung der Eltern.

Diese Aufgabe konnte ich mit unserer guten Schweizer Schule lange Jahre erfüllen. Nun werden wir seit Jahren mit Reformen bedrängt, die von diesem Ideal abweichen. Jetzt soll noch der Lehrplan 21 eingeführt werden.


Lehrmittel heute schon nach Lehrplan 21

Es wird zwar behauptet, der Lehrplan sei für Lehrpersonen gar nicht so wichtig. Die Lehrmittel seien massgebend. Wie steht es denn mit diesen Lehrmitteln? Sie werden laufend unbrauchbarer, sind nicht für den praktischen Unterricht gedacht. Schauen sie einmal ein Mathematikbuch ihres Kindes oder Enkels an. Der Stoff ist nicht mehr an einem Ort zu finden, das Thema ändert laufend. Ein ruhiges Erarbeiten und Üben ist so kaum noch möglich. Der kleinschrittige, systematische Aufbau im Stoff fehlt. Grundlegende Fertigkeiten wie das 1x1 werden in der 2. Klasse nicht mehr gefestigt. Ich frage mich, zu was das führt, wenn schon in der Anfangszeit der Volksschule die Voraussetzungen für die höheren Klassen nicht mehr gegeben sind. Erfahrene Kolleginnen und Kollegen arbeiten darum ungern mit diesen Lehrmitteln.

Bei den Sprachbüchern zeigt sich ein ähnliches Bild. Lerninhalte sind zerstückelt und das Üben wird vernachlässigt. Ausserdem wird mit den Lehrmitteln die garantierte Methodenfreiheit eingeschränkt, indem sie selbstorganisierende Methoden bevorzugen. Mit Werkstatt-, Projekt-, Stationenarbeit oder Wochenplan, wie diese Methoden genannt werden, sind die Kinder auf sich allein gestellt. Für die Mehrheit ist das eine Überforderung und Stress. Eltern müssen zu Hause stundenlang mit ihnen nacharbeiten. Wo bleibt da die Chancengleichheit bei den Kindern, die diese Möglichkeit nicht haben? 


Werterelativierende Inhalte

Auch die Lesebücher wurden «angepasst». Es wird unwichtig, ob die Kinder ihre Lesekompetenz an der Anleitung eines Staubsaugers oder eines Zeitungsartikels erwerben. Sprache ist jedoch immer auch Inhalt. Welche Lesetexte wollen wir denn für unsere Kinder? Beiträge über Tattoos oder über eine Freundschaft? Ganz sicher spricht eine Freundschaftsgeschichte das Emotionale an. Im Klassenverband können Fragen und Gedanken ausgetauscht werden und so wird der Wert einer Geschichte erst sichtbar und erhöht.

Von einer Diskussion rund um diese Fragen ist weit und breit nichts zu spüren. Mit der Initiative «Ja zu einer guten Thurgauer Volksschule» wird die dringend nötige Auseinandersetzung zur Aufgabe der Schule endlich geführt.

Ein JA in der Urne am 27. November ist das Ziel für unsere Kinder, zu denen wir Sorge tragen sollten!

Hedwig Schär, Primarlehrerin, Co-Präsidium Volksinitiative «Für eine gute Thurgauer Volksschule»