Ein Bildungsdirektor rief auf dem Podium verzweifelt aus: «Wir müssen endlich den Zeitgeist im Lehrplan einbauen, um die Probleme der komplexen Zukunft lösen zu können!»

Emilio griff sich an den Kopf; er glaubte nicht richtig gehört zu haben. Zeitgeist? Was uns täglich aus Lautsprechern, Kopfhörern, Bildschirmen und -schirmchen nebst Print- und digitalen Medien entgegenschreit – das soll nun mit dem Lehrplan 21 auch in die Schulen einfliessen?

Wer sich allerdings die Mühe nimmt, die Inhalte des Lehrplans 21 etwas näher zu betrachten, beginnt sich zu fragen, was denn eigentlich das Ziel dieser Grössten aller Schulreformen sei. Da wird von Schülerinnen und Schülern in 2 300 sogenannten Kompetenzstufen verlangt, «das eigene Verhalten zu reflektieren», «die Lebensweisen von Pflanzen zu explorieren», «Vermutungen einzuordnen», «Unterschiede zu erklären», «sich selber zu charakterisieren», «die Fortpflanzung zu verstehen und sich auszutauschen», «zu erklären, herzustellen, zu skizzieren, zu unterscheiden, einschätzen, darstellen, reflektieren» – aber sie können nicht erklären, warum etwas so ist wie es ist – weil ihnen das notwendige Wissen vorenthalten wurde. Benedikt Weibel, ex CEO SBB, schreibt dazu: «Mit Verwunderung stellt man fest, dass die Erkenntnis ′Wissen ist das stärkste Werkzeug, das wir besitzen′ am Lehrplan 21 vollständig vorbeigegangen ist. Im Einführungskapitel über Bildungsziele wird ′Wissen′ mit keinem Wort erwähnt. Dafür erscheint das Wort ′Kompetenz′ nicht weniger als neun Mal.»

Die Antwort von EDK-Vertretern fällt dürftig aus: «Wissen wird mit Kompetenzen automatisch vermittelt». Vielleicht im Schlaf? An anderer Stelle offenbart die Bildungsbürokratie, dass sich der Lehrplan 21 eben «am aktuellen Wissen und den aktuellen Erkenntnissen orientiere» ... eben doch am Zeitgeist? Die Kernfrage allerdings lautet: Was hat Zeitgeist mit Bildung zu tun? Und wie lautet eigentlich der vom Volk erteilte Auftrag an die Schulen?

Die aargauische Staatsverfassung enthält in § 28 den Satz: «Jedes Kind hat Anspruch auf eine seinen Fähigkeiten angemessene Bildung.» Ähnliches findet sich auch in andern Kantonen. Das Schlüsselwort heisst fast immer Bildung, häufig mit Verweis auf den Humanismus. Von einem gebildeten Menschen erwarten wir salomonische Problemlösungen, breit abgestützte Urteile, Durchblick, Toleranz. Ein solcher Mensch erscheint uns gebildet, weil er über dem Knatsch steht, Verständnis für Andere aufbringt und Zusammenhänge erkennt. Er kann das, weil er das dazu notwendige Wissen in der Schule erworben hat.

Der Lehrplan 21 ersetzt Bildung durch Ausbildung. Kompetenzen eignen sich zwar für die Berufsausbildung, keinesfalls jedoch für die Vermittlung von Bildung. Menschen ohne genügende Bildung sind unerwünschten Einflüssen und Versuchungen weitaus stärker ausgeliefert als es die Abgänger unserer bildungsorientierten Schulen bisher waren.

Alles, was die Schweiz heute ausmacht (Wohlstand, persönliche Freiheit, Sicherheit und demokratische Mitbestimmung) ist auch Resultat unseres bisher erfolgreichen Bildungswesens. Ein Tor, wer meint, dieses durch eine aus dem Ausland importierte und unerprobte Kompetenzenpädagogik ersetzen zu müssen. Dass der Lehrplan 21 unser Schulsystem tatsächlich aus den Angeln hebt, wird von der EDK kleingeredet. Dabei verschweigt sie, anno 2010 in den «Grundlagen für den Lehrplan 21» verlautet zu haben: «Mit der Kompetenzenorientierung ergibt sich eine veränderte Sichtweise auf den Unterricht. Lernen wird verstärkt als aktiver, selbstgesteuerter, reflexiver, situativer und konstruktiver Prozess verstanden.»

Obwohl sich diese veränderte Sichtweise «bloss» auf die Pädagogik bezieht, liefert sie genügend Grund für ersatzlose Streichung der Übung Lehrplan 21. Das beweist auch der wachsende Widerstand führender Pädagogen «aus dem letzten Jahrhundert». Eine weitaus schwerwiegendere Folge für die Zukunft unseres Landes aber bedeutet die Verletzung des gesetzlichen Bildungsauftrags und damit der kantonalen Bildungshoheit.

Emilio schliesst mit der Frage an uns alle: Warum wählen wir Bildungsdirektoren in die Regierung, die nicht wissen, was Bildung ist?

Emilio

© «Schweizerzeit», Ausgabe Nr. 16, 2. September 2016