Kommentar Arthur Rutishauser, Chefredaktor der SonntagsZeitung, Ausgabe vom 5. Juni 2016 (Quelle: http://www.sonntagszeitung.ch/read/sz_05_06_2016/nachrichten/Gegen-den-gesunden-Menschenverstand--und-gegen-die-Erfahrung-65782)

Endlich wagen die Lehrer den Aufstand. Dass gleich zehn von ihnen aufs Mal den Bettel hinwerfen und das Weite suchen, müsste zum Weckruf für die Politik werden. Seit 20 Jahren wird im Kanton Zürich, und nicht nur dort, auf Kosten der Schüler am Bildungssystem herumlaboriert. Ob es funktioniert, wird am lebendigen Wesen ausprobiert. Geht es gut, dann wollen alle die Erfolge einheimsen – geht es daneben, dann tragen die Kinder die Folgen. Es sei denn, die Eltern springen ein und machen «Home-Unterricht» oder bezahlen teure Nachhilfestunden.

Die Widersprüchlichkeit ist eklatant. Da erzählt einerseits unser Bildungsminister Johann Schneider-Ammann, die Matur sei inzwischen zu einfach, obwohl die Anforderungen gegenüber der Zeit, als er selbst seine Maturfeier hatte, deutlich gestiegen sind; mindestens Englisch muss man heute können. Andererseits wird an den Volksschulen das Leistungsniveau ständig mit unsinnigen Massnahmen heruntergeschraubt. Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn die Kids auch einmal selber denken müssen, und natürlich ist es gut, zuweilen die neuen Möglichkeiten, die das Internet als Wissensdatenbank bietet, mit den Schülern zusammen zu erkunden. Aber wer Teenager als Kinder hat oder sich noch erinnern kann, wie er sich selber in diesem Alter verhielt, der müsste doch eigentlich leicht erkennen, zu was es führt, wenn man einem Jugendlichen ein iPad in die Hand drückt und ihn selbstständig lernen lässt: Er geht in die Badi, wenn es schön ist, oder er macht ein Computerspiel, wenn es regnet.

Warum es Sinn ergeben soll, dass die Lehrer von ihrer eigentlichen Aufgabe, nämlich dem Lehren, befreit werden sollen, leuchtet weder von der Praxisseite her ein, noch gibt es empirische Belege für die Wirksamkeit. Untersuchungen zum Thema sagen das Gegenteil. Und wer würde plötzlich anfangen zu behaupten, es sei besser, Tennisspielen im Selbstversuch zu erlernen? Aber beim Satz des Pythagoras soll das gehen? Wenn nun auch noch der Lehrplan  21, in den sich schon wegen seiner schieren Dicke fast alles hineininterpretieren lässt, zur Rechtfertigung solcher Unterrichtsformen herangezogen wird, dann lässt das für die Zukunft nichts Gutes erhoffen. Gutes, das bedeutet im Bildungswesen ja eigentlich Chancengleichheit für alle und das Ziel, für alle Kinder das Optimum an Bildung anzubieten. So wie es aussieht, führt aber die Entwicklung in die andere Richtung. Eltern mit einem grossen Portemonnaie werden ihre Kinder vermehrt aus der Schule herausnehmen und noch häufiger als heute in die Nachhilfe schicken. Und jene, deren Eltern das nicht bezahlen können, bleiben sitzen.

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