Erschienen in der Südostschweiz vom 16. Mai 2016 zur Fremdsprachen-Initiative im Kanton Graubünden

Einmal mehr zeigt Regierungsrat Martin Jäger, dass er eigenmächtig handelt. Zuerst attestiert er Wohlwollen und Sympathie für die Sieger, doch dann wird mit der Angst vor Schulqualitätsabbau - und der Chancengleichheit geschürt. Als Mitglied der EDK Schweiz, kann der Kanton nicht machen, was er will und beiläufig wird erwähnt, dass der Bundesrat ein Sprachengesetz erlassen könnte, weil auch in anderen Kantonen entsprechende Überlegungen mehr oder weniger weit gediehen sind. Martin Jäger kennt die neuesten Studien zum Fremdspracherwerb auf der Primarschule. Zwei Fremdsprachen stellen eine Überforderung eines grossen Teils der Schülerinnen und Schülern dar. Das wird schon lange von Kindern, Eltern und Lehrpersonen ins Feld geführt. Simone Pfenninger von der Universität Zürich, belegte mit ihren Forschungsergebnissen zum Erwerb von Zweitsprachen, dass das Alter – anders als beim natürlichen Spracherwerb – im Schulkontext eine «untergeordnete Rolle» spiele. Wichtiger als der frühe Beginn sei etwa das intensivere Lernen über einen kurzen Zeitraum hinweg.

Hier zeigt sich die grosse Schwäche der gewählten Regierung. Sobald ein Anliegen, welches wie in diesem Falle, auch in anderen Kantonen omnipräsent ist, hilft es, wenn die Verantwortung abgeschoben werden kann. Bundesrat Berset arbeitet an einem Gesetz. Ja, das mag richtig sein. Doch auch der Bundesrat kann nicht machen, was er will. Er benötigt die Legitimation des Parlaments oder gar des Volkes. Es ist richtig, dass Politiker sich oft im "Regen stehen gelassen" fühlen. Sie benötigen viel Frustrationstoleranz. Doch es gibt auch Macher. Sie korrigieren ihre Entscheidungen, wenn sie merken, dass das Expertenwissen, welches sie zu Rate zogen, sich als falsch erweist. Gerade bei der Bildung stehen grosse Umwälzungen bevor: Der Lehrplan 21.
Hier hat die gesamte Regierung die Verantwortung übernommen. Grossräte, welche gegen die Einführung des LP21 sind, verschanzen sich hinter dem Regierungsbeschluss und schieben die Verantwortung ab. Jetzt wäre aber der Moment, um Gespräche zu führen, denn im Juni kann der Grossrat das Projekt LP21 noch stoppen. Signale gibt es viele, die dahin gehen, dass es in den Köpfen der Wählerinnen und Wähler zu dämmern beginnt. Denn der Konstruktivismus als Unterrichtsprinzip, flächendeckende elektronische Testverfahren tönen zwar futuristisch, sind aber im Bericht des EKUDs an die Grossräte so zu lesen. Einige Kantone sind schon ausgeschert und haben dem LP21 die Spitzen gebrochen. Die Walliser haben ähnliche Voraussetzungen, wie der Kanton Graubünden zu meistern. Vielleicht ist das der Grund, weshalb Regierungsrat Freysinger seine Schule vor grossen Turbulenzen schützt. Für ihn ist ein Lehrer ein Pädagoge und kein Coach. Die Schüler sollen ihrem Alter entsprechend gebildet und auf ein Leben in der Gesellschaft nach unseren gültigen christlichen und humanistischen Werten vorbereitet werden.

Im Juni ist wieder Grossrat Session. Jedes Mitglied hat die Verantwortung, in der aktuellen Situation – Entscheid Spracheninitiative und Doppelinitiative zum Lehrplan 21 – den Entscheid der Regierung zu unterstützen oder das Projekt zu stoppen. Die viereinhalb Millionen für die Weiterbildung sind aus der Portokasse finanzierbar, aber die Bündner Volksschule, welche unsere Kinder und Enkelkinder besuchen werden, ist das Ergebnis ihres Entscheides in der Juni Session. Die Volksschule ist zwar Sache des Kantons. Doch die Gemeinden zahlen am Ende die Zeche. In diesem Sinne hoffe ich, dass möglichst viele Bürgerinnen und Bürger sich informieren und mit ihren Grossrätinnen und Grossräten Kontakt aufnehmen.

Niederdorfer Markus, Summaprada