Leserbrief von Urs Knoblauch, erschienen im Bote vom Untersee und Rhein, 5. Juli 2016. Bezugnehmend auf den Artikel «Thurgauer Lehrpersonen setzen klares Zeichen» vom 24.6.2016

Im Bericht über die Delegiertenversammlung der Thurgauer Lehrpersonen wird die grosse Einigkeit unter der Lehrerschaft zu «allen 47 Punkten und Vorschlägen von Bildung Thurgau» der Vernehmlassung zum umstrittenen Lehrplan 21 hervorgehoben. Die 76 Delegierten aller Stufen konnten je «ein zweiminütiges Statement» dazu abgeben. Eine grundsätzliche Sachkritik zum Konzept des LP21 war, wie bisher, nicht möglich. Obwohl deshalb in zahlreichen Kantonen Volksabstimmungen laufen, wird nach Plan durchmarschiert.

Es ist ja mittlerweile im ganzen Land bekannt, dass von Beginn des Projekts bis heute keine kritische Stimmen unter der Lehrerschaft, an Pädagogischen Hochschulen, von Eltern und aus dem Gewerbe zugelassen wurden. Die offene und nötige Sachdiskussion wurde weitgehend durch die LP-Strategen, Behörden und Schulleitungen verhindert. Viele Lehrpersonen, die berechtigte Einwände haben, trauen sich nicht zu äussern, da Schulleitungen den Auftrag zur Kontrolle haben. Wo befinden wir uns eigentlich? Wenn im Untertitel des Bote-Artikels steht: «761 Lehrerinnen und Lehrer beteiligen sich an der Vernehmlassung zum Lehrplan Volksschule Thurgau» soll der Eindruck einer breiten Diskussion vorgetäuscht werden. Die Eltern haben ein Anrecht ehrlich und sachlich informiert zu werden. Der LP21 senkt weiterhin das Bildungsniveau und bricht mit unserer weltweit anerkannten Schultradition, Pädagogik und den wertvollen humanistischen Grundlagen. Mit positiv besetzten Begriffen wie Professionalisierung, Harmonisierung, Individualisierung, Kompetenz und Konstruktivismus wird die bewährte Schule systematisch demontiert und dekonstruiert.

In Tat und Wahrheit dient der neue Lehrplan nicht Verbesserungen und einem vernünftigen und massvollen Umgang mit der neuen Technologie, sondern er dient vor allem der zunehmenden Operationalisierung, Rationalisierung und Roboterisierung der Wirtschaft. Der Bote meldete dazu am 1.7.2016 «Anzeigeproduktion der NZZ-Mediengruppe wird ausgelagert.» Allein in der Ostschweiz verlieren neun Mitarbeiter ihre Stelle der in Zürich angeschlossenen Zeitungen! Immer mehr Roboter, Computer und «künstliche Intelligenz» sollen den Menschen ersetzen. Wo bleiben da die Menschenwürde, die staatsbürgerliche Verantwortung und die Demokratie? Die Schule muss sich gerade nicht jedem negativen Zeitgeist anpassen, sondern echte Menschenbildung fördern. Die kommenden Volksabstimmungen in den Kantonen verdienen eine klare Unterstützung.

Urs Knoblauch, Gymnasiallehrer, Fruthwilen