Ein Gastkommentar von Hans Zbinden über das Bildungswesen und seine Abhängigkeit von der Wirtschaft.

Seit gut einem Jahrzehnt sitzt unser Bildungswesen im Seitenwagen der Wirtschaft. Und übernimmt zusehends deren Kurzatmigkeit und Reformhektik. Mit dem paradoxen Ergebnis, dass die Zukunftswerkstätten unseres Landes vor lauter Betriebsamkeit ihre eigene Zukunft vergessen!

Vor genau 10 Jahren haben Volk und Stände letztmals unsere Bildungsverfassung revidiert. Seit 1875 war die alte in Kraft gewesen. Eine Ewigkeit für uns, die den gesellschaftlichen Fortschritt gleichsam im Zeitraffer erleben. Bei der Vielfalt unseres föderalistischen Bildungswesens hat ein nationaler Bildungsrahmen zwei Aufgaben: Zum einen dient er als Klammer für den inneren Zusammenhalt der 11 000 Schulen in den 2400 Gemeinden unseres Landes. Dazu sorgt er für eine wechselseitige Abstimmung der beiden nachobligatorischen Pfeiler: der sinnstiftenden nutzungsfernen Allgemeinbildung und der arbeitsmarktnahen Berufsbildung.

Staatspolitisch klug leistet sich die Schweiz diesen zweigleisigen Aufbau der Höheren Bildung: gleichwertig und andersartig zugleich. Und bis anhin auch austariert im politischen Gleichgewicht. Dabei begnügte sich bis anhin eine kluge Wirtschaft mit der ständigen Verbesserung der Zusammenarbeit mit einem eigenständigen Bildungswesen. Mit der Verstärkung der Berufsbildung zwar. Aber ohne die Absicht, auch noch die Allgemeinbildung für eigene Zwecke zu vereinnahmen. Trotzdem drängt zurzeit eine expansiv-missionarische Berufsbildung die marktfernere Allgemeinbildung ebenfalls zu mehr Marktnähe: Wozu noch mehr Allgemeingebildete, wenn wir doch zu wenig Fachkräfte haben? Diese Frage ist bereits selbst eine staatspolitisch fragwürdige Antwort!

Denn gleichzeitig verwandelten sich alle unsere ursprünglichen Lebensorte – Gemeinden, Kantone und Regionen – ebenfalls stärker in primär funktionale Standorte für Wirtschaft, Unternehmen und Arbeitsplätze. Vorbei sind die Zeiten, wo Orte als Ganzes in erster Linie einer lebendigen Bürgerschaft ein reichhaltiges Alltagsleben ermöglichten. Als Fachkräfte in Betrieben und als Staatsbürger im Gemeinwesen zugleich. Für immer mehr von ihnen
ist der totale Wandel deshalb eine belastende Zumutung geworden. Deswegen wächst ihr Interesse an verlässlichen Garanten im Lebensalltag. Vor allem auch an einer breiten und und lebenslang ausbaufähigen Bildung. Und so erstaunt es nicht, wenn immer mehr Jugendliche bei ihrer schwierigen Perspektivsuche in Beruf und Leben letztlich auf die optionsoffenere und schulnahe Gymnasialbildung setzen. Um so der beschäftigungsnahen, aber oft auch unvertrauten Berufslehre auszuweichen. Eine weiterhin der Aufklärung und dem Lebensalltag verpflichtete Bildungsverfassung bestände in ihrer Weiterentwicklung aus
folgender Agenda:

  • Bildungswesen: Zurück zu mehr Autonomie Demokratie und soziale Marktwirtschaften sind bei uns Partner. Sie respektieren sich je in ihrer Autonomie und stützen sich wechselseitig. Als Ganzes brauchen sie ausreichend Fachkräfte. Aber gleichermassen auch mündige und engagierte Bürger. Nur in Ergänzung sind diese in der Lage, den Verlockungen grenzenlosen Konsums und populistischer Politik bewusst zu entsagen. Um gleichzeitig mit der Beweglichkeit von gebildeten Fachkräften und wachen Bürgern den Strukturwandel von Gesellschaft und Arbeitsmärkten zu bewältigen. So wird denn in einer Welt im Dauerumbruch ein fachkundiger Gemeinschaftsbürger zur neuen alten Leitfigur! Gleichzeitig aber muss auch die Wirtschaft als Ganzes bereit sein, ihre zunehmende Vereinnahmung von Schule und Bildung einzuschränken: aus staatspolitischer Weitsicht.
  • Föderalismus: Lernlabor statt Standortkonkurrenz Seinem Wesen nach ist der vielfältige Bildungsföderalismus viel mehr als kreatives Lernlabor für das Ganze zu nutzen. Der Föderalismus als Struktur- und Steuerungsprinzip ist nicht Selbstzweck. Er könnte als kreativer Pool von Ideen vielmehr dem Wohl des Ganzen dienen.
  • Wer die Digitalisierung fördert, muss zuerst an die Menschen denken. Eine von Bund und EDK gemeinsam geförderte Digitalisierungsstrategie hat die durch die aktuelle techno-ökonomische Diffusionslogik bedingten Unterschiede zu kompensieren. Bei den Kantonen genauso wie bei Schulen, sozialen Gruppen und einzelnen Bildungsinteressierten. Sonst beschert und die Digitalisierung gesellschaftliche Gräben der neuen Art!

© aargauerzeitung.ch, 26. Juli 2016