Leserbrief, bezugnehmend auf den Artikel "St. Gallen stärkt Frühfranzösisch in Primarschule" im St. Galler Tagblatt vom 7. Juni 2016

Das Frühfremdsprachenkonzept der EDK mit zwei Fremdsprachen ab der 3. und 5. Primarschulklasse ist gescheitert. Viele Eltern sehen seit langem, dass der Lernerfolg bei ihren Kindern gering ist und andere Fächer zu kurz kommen. Auch eine Online-Umfrage des Kantonalen Lehrerverbandes St. Gallen im Juni 2015, veröffentlicht im Verbandsbulletin, hat ergeben, dass von über 3000 Lehrerinnen und Lehrern nur eine Minderheit von 17% das ernen von zwei Fremdsprachen in der Primarschule für sinnvoll hält. 50% sprechen sich für nur eine Fremdsprache aus, weitere 30% schlagen eine zweite als zusätzliches Wahlfach vor. Warum hört man nicht auf die Erfahrungen der Lehrer? Auch zahlreiche wissenschaftliche Studien, aktuell von Simone Pfenninger von der Universität Zürich, bestätigen, dass die Theorie des "je früher, desto besser" falsch ist und das Fremdsprachenlernen in der Oberstufe effizienter ist. Wer Deutsch gut liest und schreibt, kann diesen Vorteil später auf die Fremdsprachen übertragen.

Der Kanton Thurgau verlegt daher die zweite Fremdsprache auf die Oberstufe, so wie es auch in Appenzell-Innerrhoden seit Jahren erfolgreich praktiziert wird. Nun soll in St. Gallen zusätzliches Geld in Halbklassenunterricht für das Frühfranzösisch gesteckt werden, angeblich kostenneutral. Vernünftiger als diese Pflästerlipolitik wäre es, einen Schlussstrich unter dieses gescheiterte Projekt zu ziehen und didaktisch gut aufgebaute Lehrmittel für die Oberstufe zu entwickeln. Auch regelmässige Schüleraustausche mit der französischen Schweiz wären sinnvoll und für die Jugendlichen attraktiv. Der Zusammenhalt des Landes wird dadurch mit Sicherheit mehr gestärkt als mit Frühenglisch oder Frühfranzösisch.

Gisela Liebe, Wil