Von Elisabeth Calcagnini

Elisabeth CalcagniniGanz schön auf Trab hält mich dieser Lehrplan 21! Ein Lehrplan, der ja gar nicht für die Lehrer gedacht ist und mit dem, so wird jedenfalls behauptet, sich fast nichts ändern wird. Ein Lehrplan, der gar nicht nötig gewesen wäre und nun doch die Gemüter erhitzt. Ich bleibe dabei, ich kritisiere ihn. 

Ich erkläre den Leuten, dass die Macher dieses Konzepts die heimliche Anpassung des schweizerischen Bildungswesens an internationale Standards wollen, von der Organisation für wirtschaftliche und Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gepusht werden und ihre Interessen in erster Linie profitorientiert sind. Ich lege das Scheitern des Konzepts in anderen Ländern offen. Ich prognostiziere den vorauszusehenden Abbau von Fachwissen. Doch beim Sammeln von Unterschriften oder an Veranstaltungen ist immer wieder das Gleiche zu hören: Da haben so viele Experten daran gearbeitet, das hat schon so viel Geld gekostet, jetzt machen wir das einmal. Wird schon nicht so schlimm sein. Wir wollen doch in der Schweiz endlich einmal die Schule harmonisieren!

Da hätte ja eigentlich niemand etwas dagegen. Doch wo bleibt die hochgelobte Harmonisierung? Der Kanton Thurgau schert aus bei der Fremdsprachenfrage. Im Kanton Appenzell wird die Umsetzung des Lehrplans 21 zwar angenommen, doch der Landamman befindet eigenmächtig und im Widerspruch zum Lehrplan 21, dass weder selbstgesteuertes Lernen noch Lernlandschaften ein Thema sind. Auch gegen Lerncoaches und altersdurchmischtes Lernen stellt er sich, und das erste Kindergartenjahr soll freiwillig bleiben. Die Baselbieter stimmen dafür, die bisherigen Fächer beizubehalten und schicken die Sammelfächer bachab. Staatsrat Oskar Freysinger im Wallis umschreibt in zehn wunderbaren Thesen eine Schule, wie sie sein soll, mit pädagogischen Grundsätzen, die ihren Namen verdienen. Die Inhalte seiner Thesen grenzen sich wohltuend ab von der Stossrichtung des Lehrplans 21. Freysinger will in der Schule die Charakteristik des Kantons und was sich bewährt hat beibehalten, er hat zwar nichts gegen die Einführung des Lehrplans, solange seine Thesen weiterhin beherzigt werden. Die Appenzeller, Thurgauer, Baselbieter und Walliser behaupten mutig die Kantonshoheit im Bildungswesen gegenüber der EDK, die mit ihrer Verwaltungsvereinbarung die Kantonsparlamente übergangen hat. Hut ab!

In allen offiziellen Grundlagenpapieren wird der Lehrplan 21 in erster Linie als Instrument für die Harmonisierung der Volksschule dargestellt. Doch gerade dieses Ansinnen ist meiner Meinung nach zum Scheitern verurteilt. Der Lehrplan 21 wird richtigerweise zurechtgestutzt, geändert, abgespeckt und relativiert. Für alle Kantone gleich bleibt einzig das Gerüst der Kompetenzorientierung. Doch wer garantiert mit so einem umfangreichen Katalog von genau ausformulierten Leistungserwartungen, dass bei einem Kantonswechsel die Kinder wirklich ähnlich kompetent sind? Die im Lehrplan 21 vermehrt verlangte Individualisierung lässt das Ganze noch unglaubhafter erscheinen. Es ist vorauszusehen, dass diese neoliberale Bildungsoffensive eher ein Abgleiten in disharmonische Inkompetenz vorantreiben wird.

Und es ist ein Glück, dass in der Schweiz jeder Kanton seine traditionell verankerten Eigenheiten schützt. Diese Vielfalt soll auch in Zukunft erhalten bleiben. 

Elisabeth Calcagnini ist Heilpädagogin und Mitinitiantin der Doppelinitiative Gute Schule Graubünden – «Mitsprache bei wichtigen Bildungsfragen» und «Mitsprache bei Lehrplänen».

© suedostschweiz.ch vom 22. Juni 2016